Als ich neulich in der Buchhandlung meines Freundes Moises den Dichter José Luis Rivas traf, der lange Verlagsleiter der Universidad Veracruzana war, T.S. Eliot und Derek Walcott übersetzt und gerade beim staatlichen Fondo de Cultura sein "Best of" veröffentlicht hat, fasst ich mir ein Herz und stellte ich ihm eine Frage, die mir schon lange auf der Zunge brennt:
"Warum gibt es in Mexiko eigentlich so viele Dichter?"
Lulú stieß mir den Ellbogen in die Rippen und Moises fing an, unter seiner Theke zu kramen.
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Donnerstag, 8. März 2012
Mittwoch, 2. November 2011
Der klassische Roman
zum Día de Muertos ist Pedro Páramo von Juan Rulfo (1955). Auf der Suche nach seinem Vater kommt der junge Juan Preciado nach Comala, ein Dorf, in dem nur noch Tote, tja, leben. Der Roman wird immer wieder gern zitiert, deswegen zitiere ich hier auch einen kleinen Auszug aus der ersten deutschen Übersetzung von einer gewissen Mariana oder Marianne Frenk. Ohne Erlaubnis, wohlgemerkt. Aber da die Übersetzung schon über fünfzig Jahre alt und der Titel vergriffen ist, nehme ich mir diese Freiheit einfach mal heraus. Im Namen der Kulturförderung und der Völkerverständigung.Und da sich vielleicht der eine oder die andere angeregt fühlen könnte, das Buch zu lesen, hier zwei Links, unter denen eine neuere Übersetzung von Dagmar Ploetz erhältlich ist: Amazon und Managementbuch.
Donnerstag, 11. August 2011
Literaturrätsel
Ich liebe Bücher mit Bildern. Ich gestehe, dass ich diese Vorliebe seit den Abenteuern des Räuber Hotzenplotz nicht abgelegt habe und bis heute meinen neuen Bücher erstmal verstohlen durchblättere um nachzusehen, ob ich nicht wenigstens ein Foto oder ein Diagramm finde. Leider habe ich meistens Pech. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich tatsächlich neulich beim Blättern im Buchladen meines Freundes Moises fündig geworden bin. Das Buch, in dem ich diese Zeichnung gefunden habe, ist ein Klassiker der zeitgenössischen lateinamerikanischen Literatur (nein, nicht Gabi Márquez) und nachdem ich die Zeichnung entdeckt hatte, musste ich es natürlich sofort mitnehmen. Darunter stand ungefähr folgender Dialog:
Sonntag, 15. Mai 2011
Regenzeit
Wir hüpfen über die Pfützen. Gestern Nacht ist der erste Wolkenbruch gefallen, der die geflügelten Ameisen schlüpfen lässt, die tzisim. Wir gehen an Geschäften vorüber, es riecht nach frisch gewebten Stoffen. Auf der Theke misst der Verkäufer das Tuch mit einem Stab. Irgendwo rauschen Reiskörner auf die Blechschale einer Waage, irgendwo mahlt jemand eine Handvoll Kakao.
Aus: Rosario Castellanos, Balún Canán
Aus: Rosario Castellanos, Balún Canán
Sonntag, 24. April 2011
Hungriger Coyote
Quin oc ca tlamati noyolloyehua niccaqui in cuicatl
niquitta in xochitl.
Maca in cuetlahuiya.
Endlich versteht mein Herz:
Ich lausche dem Gesang,
betrachte die Blume ...
[... und gestehe, dass ich die letzte Zeile weggelassen habe, damit Nezahualcoyotzin ein bisschen nach Bashō klingt. Darf man sich sowas als Übersetzer erlauben?]
Mittwoch, 13. April 2011
Die Magie der Huicholes
Die Wolke wächst wie das Maisfeld.
Sprießt Watukari, wächst und spricht.
Sprießt Mais, sprießt Hirsch,
Sprießt Itari*, und aus Itari
Sprießt die Eiche, und die Eiche
donnert wie der Regen.
"Ich schütze Coamil,**
umarme ihn, umschließe ihn,
ich lasse ihn blühen."
Der Regen umhüllt Coamil
Und es kommt der blaue Hirsch
Begleitet von seinem Bruder Mari.
Die Eiche schlägt Wurzeln,
Erhebt sich in die vier Richtungen
In den Zweigen hängt Itari,
Itari wird Wolke,
und wieder fällt Regen über den Bergen.
Sprießt Watukari, wächst und spricht.
Sprießt Mais, sprießt Hirsch,
Sprießt Itari*, und aus Itari
Sprießt die Eiche, und die Eiche
donnert wie der Regen.
"Ich schütze Coamil,**
umarme ihn, umschließe ihn,
ich lasse ihn blühen."
Der Regen umhüllt Coamil
Und es kommt der blaue Hirsch
Begleitet von seinem Bruder Mari.
Die Eiche schlägt Wurzeln,
Erhebt sich in die vier Richtungen
In den Zweigen hängt Itari,
Itari wird Wolke,
und wieder fällt Regen über den Bergen.
Dienstag, 5. April 2011
Geisterstadt in der Wüste
Anderthalb Jahrhunderte haben ausgereicht, um diese Silberstadt in ein steinernes Skelett zu verwandeln. Der Palast des Conde Maza mit seinen eisernen Gittern und barocken Simsen steht schon lange verlassen. Die Häuser des Zentrums entlang der steilen, gewundenen Gassen bröckeln vor sich hin... Der Rest des Ortes - Häuser, Mauern, Wege, Kapellen - verschwindet unter den Kakteen. Die Wüste, die einen Moment lang zurückgedrängt worden war, hat sich ihr Territorium zurückerobert. Was von Catorce bleibt, sind dunkle Häusergerippe und Bergwerksruinen, die unter den fleischigen, stacheligen Blättern der Opuntien ersticken.
Fernando Benítez, Los Indios de México
Sonntag, 3. April 2011
Der mexikanische Bruce Chatwin
"Gut, dann gehen wir jetzt ohne dich weiter.“Plötzlich befällt mich die Angst, dass meine ganze Reise umsonst gewesen sein könnte. Kurz bevor ich Zeuge eines Rituals werde, das vor mir noch kein Anthropologe gesehen hat, muss ich erkennen, dass es mir offenbar doch nicht gelungen ist, das Vertrauen der Huicholes zu gewinnen. Sie wollen mich in Real de Catorce zurücklassen.
Donnerstag, 24. März 2011
Lydia Cacho
In Mexiko ist die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Lydia Cacho auch Menschen ein Begriff, die keine Zeitung in die Hand nehmen. Hier und im Ausland ist sie mit Preisen regelrecht überhäuft worden. Allerdings ist sie über den Rummel um ihre Person keineswegs beglückt, denn er behindert ihre Recherche und lenkt von ihrem Thema ab. Ihr Thema, das ist die Versklavung von Frauen und Kindern zum Zweck der sexuellen Ausbeutung: Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderpornographie und das organisierte Verbrechen, in Mexiko und in aller Welt. Anfang März erschien bei S. Fischer mit Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel ihr erstes Buch in deutscher Sprache, heute stellt sie es zusammen mit Günther Wallraff auf der litCologne in Köln vor.
Dienstag, 11. Januar 2011
Auf seiner berühmten Reise...
...durch Mexiko, das damals noch "Neuspanien" hieß, machte Alexander von Humboldt im Frühjahr 1804 auch in Xalapa Station. Der preussische Gelehrte bereiste die Kolonie im Auftrag des spanischen Königs, unter anderem, um die Rohstoffvorkommen zu erkunden. Auf Spanisch erschien sein fünfbändiger "Aufsatz" über Mexiko allerdings erst 1822, pünktlich zur Unabhängigkeit. Trotzdem blieb die Wirkung nicht aus. Humboldts Begeisterung beflügelte die Fantasie europäischer Anleger, die wie die Heuschrecken über die Anleihen des jungen Landes herfielen. Es kam, wie es immer kommt: Die Spekulationsblase platzte. Mexiko konnte seine Schulden nicht bedienen, die ausländischen Gläubiger zettelten eine Invasion nach der anderen an und das Land versank im Bürgerkrieg. So kann es kommen, wenn Deutsche über Mexiko schreiben.Aber zurück zu Xalapa. Alejandro de Humboldt, der "zweite Entdecker Amerikas", verpasste der Stadt in der Sierra Madre Oriental den Beinamen "Stadt der Blumen" und verfasste in seiner leicht unterkühlten Gelehrtenprosa eine nicht unfreundliche Beschreibung, die sich auf Deutsch ungefähr so liest:
Samstag, 30. Oktober 2010
Tag der Toten
»DIE TOTENSCHÄDEL AUS ZUCKER oder Seidenpapier, die Skelette, die im Feuerwerk leuchten, und unsere volkstümlichen Darstellungen, die das Leben verspotten, bezeugen die Nichtigkeit und Belanglosigkeit des menschlichen Daseins. Wir schmücken unsere Häuser mit Totenschädeln, wir essen am Totensonntag Brot in Form von Knochen, wir amüsieren uns mit Liedern und Schwänken, aus denen der kahle Tod grinst. Doch all diese großtuerische Vertraulichkeit mit ihm enthebt uns nicht der Frage: Was ist der Tod eigentlich? Darauf haben wir keine Antwort, und jedesmal, wenn wir sie uns stellen, zucken wir die Achseln: 'Was geht mich der Tod an, wenn mich das Leben nichts angeht?'«
aus: Octavio Paz, Das Labyrinth der Einsamkeit (übers. v. Carl Heupel).
aus: Octavio Paz, Das Labyrinth der Einsamkeit (übers. v. Carl Heupel).
Mittwoch, 27. Oktober 2010
Los Dulces
»WIR VERGNÜGTEN UNS auf den Kirchplätzen, zogen durch die Straßen und stürmten die Süßwarenstände unter den Arkaden. Dort überfraßen wir uns ein ums andere Mal an gelierten und gefüllten Orangen und Zitronen, kandierten Pfirsichen, Kürbisstücken und Kaktusfeigen, eingelegten Quitten und Äpfeln, türkischem Honig, Karamell und Konfekt, bunten Zuckerbonbons, gebrannten Mandeln, alles in Mengen, alles billig und alles begeisternd. Unsere arme Mama, die sonst so sparsam war, konnte der Versuchung der Süßigkeiten nicht widerstehen, weshalb wir unsere kärglichen Ersparnissen in den Arkaden ließen, und ich glaube manchmal sogar einen Teil dessen, der für unsere täglichen Mahlzeiten bestimmt war.« (José Vasconcelos, Ulises Criollo)
Samstag, 16. Oktober 2010
Das Mezzanin Mexikos
»ALS WIR IN XALAPA ANKOMMEN, ist es Nacht. Die Lokomotive hat eine Anstrengung vollbracht, die ich ihr bei ihrem Alter kaum zugetraut hätte. Bebend und dichte Dampf- und Rauchwolken ausstoßend, war sie die steilen Schluchten und Hänge der Sierra Madre Oriental hinaufgekeucht. Vom Balkon des letzten Waggons aus hatten wir eines der beeindruckendsten Schauspiele verfolgt, das die Natur zu bieten hat. Nicht einmal in den Anden, dreitausend Meter über dem Meeresspiegel und in der Einsamkeit der Hochsteppe, hat mir ihre Gewalt derart den Atem stocken lassen. In Mexiko vollbringt die Natur offenbar größere Wunder als anderswo.
Montag, 27. September 2010
Lyrik in Zitronentunke
Die Stadt Xalapa, die wegen ihrer unzähligen Universitäten gelegentlich als "das veracruzanische Athen" bezeichnet wird, scheint nebenbei auch die mexikanische Dichterhauptstadt zu sein. Wen ich auch frage, jeder feilt an einem Versepos, publiziert eine Lyrikzeitschrift, gehört einem Lesekreis an, nimmt an einem Schreibkurs teil, tritt demnächst in einem Poetry Slam auf oder hat zumindest heimlich eine Kladde mit eigenen Liebesgedichten im Nachttischkästchen. Der Anteil der Poeten auf nebenstehendem Foto entspricht der gefühlten Dichterdichte in meinen Bekanntenkreis: Moisés, hier hinter seinem Buchmessenstand, ist nicht nur Buchhändler, sondern auch Mitherausgeber der Lyrikzeitschrift Utopía. Silver, der Herr in der Bildmitte mit der grünen Strickmütze, ist die Stimme des legendären Dichterkollektivs "Ánima de San Bruno" und Patahistoriker von Xalapa; er mag, wie er mir anvertraute, Lyrik vor allem in Zitronentunke. Und den bärtigen Herrn mit der Baseballkappe kenne ich zwar nicht, aber er sieht so aus, als würde er seiner Freundin gerade eine SMS im Ovid'schen Distichon texten. Nur Lourdes ist über jeden Verdacht erhaben. Glaube ich.
Mittwoch, 22. September 2010
Buchmesse
Moisés ächzt. "Morgen muss ich in die Casa del Lago, den Stand klar machen und dann hier die Bücher zusammenpacken."
"Du hast einen eigenen Stand?" frage ich.
"Mh."
"Aber du nimmst doch nicht dein ganzes Sortiment mit, oder?"
"Klar nicht. Nur X, Y und Z. [Er nennt drei akademische Verlage, von denen ich noch nie gehört habe.] Und Z nur, weil Fulanito Tal eine Lesung hat. Ich habe eine Extralieferung bestellt. [Zeigt auf einige Kisten in der Ecke seines Lädchens.]
"Na, das wird bestimmt ein gutes Geschäft!"
"Mal schauen. Weißt du, was die für die zehn Tage verlangen?"
"Keine Ahnung."
"Fünftausend! Kannst du das glauben? Und dabei habe ich nur einen kleinen Stand. Für die großen wollen die sogar zwölftausend. Stell dir das vor! Zwölftausend Pesos!"
"Du hast einen eigenen Stand?" frage ich.
"Mh."
"Aber du nimmst doch nicht dein ganzes Sortiment mit, oder?"
"Klar nicht. Nur X, Y und Z. [Er nennt drei akademische Verlage, von denen ich noch nie gehört habe.] Und Z nur, weil Fulanito Tal eine Lesung hat. Ich habe eine Extralieferung bestellt. [Zeigt auf einige Kisten in der Ecke seines Lädchens.]
"Na, das wird bestimmt ein gutes Geschäft!"
"Mal schauen. Weißt du, was die für die zehn Tage verlangen?"
"Keine Ahnung."
"Fünftausend! Kannst du das glauben? Und dabei habe ich nur einen kleinen Stand. Für die großen wollen die sogar zwölftausend. Stell dir das vor! Zwölftausend Pesos!"
Freitag, 3. September 2010
Auf dieses Buch...
...das vor knapp einem Jahr erschienen ist, wollte ich schon länger mal hinweisen. Der Verlag schreibt:
Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (1907–1954) führte in jeder Hinsicht ein leidenschaftliches Leben, mit dem sie bis heute jede Generation von Frauen begeistert. Auf ihren legendär gewordenen Selbstporträts erscheint Frida Kahlo als exotische Schönheit. Doch unter ihren prächtigen Gewändern verbarg Frida Kahlo einen schwer verletzten Körper und eine zutiefst verwundete Seele – Folgen eines Unfalls im Alter von 18 Jahren und ihrer schwierigen Beziehung zu dem Maler Diego Rivera, der Liebe ihres Lebens.
Dienstag, 3. August 2010
Sortimentpflege
Die Buchhandlungen von Xalapa haben eher mäßigen Zulauf. Wenn ich Moisés in seinem Laden mit dem schönen Namen Hyperion besuche, dann sitzt er meistens nebenan im Café Tierra Luna und schielt gelegentlich durch die Glastür, um zu sehen, ob sich nicht doch jemand hineinverirrt hat. Sein Publikum besteht fast ausschließlich aus Studierenden der höheren Semester und aus Professoren, und in den Semesterferien machen auch die sich rar.
Aber Moi lässt sich nicht beirren. Als passionierter Bücherwurm sorgt er dafür, dass sich sein Sortiment dreht, auch wenn er nichts verkauft. In einer Ecke seines Ladens stehen immer ein paar Kisten mit unverkauften Büchern, die er an die Verlage zurückschickt, und in der Tür stapeln sich Kisten mit neuen Titeln. Deswegen hat er immer frische Bücher - buchstäblich.
Aber Moi lässt sich nicht beirren. Als passionierter Bücherwurm sorgt er dafür, dass sich sein Sortiment dreht, auch wenn er nichts verkauft. In einer Ecke seines Ladens stehen immer ein paar Kisten mit unverkauften Büchern, die er an die Verlage zurückschickt, und in der Tür stapeln sich Kisten mit neuen Titeln. Deswegen hat er immer frische Bücher - buchstäblich.
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