»WIR VERGNÜGTEN UNS auf den Kirchplätzen, zogen durch die Straßen und stürmten die Süßwarenstände unter den Arkaden. Dort überfraßen wir uns ein ums andere Mal an gelierten und gefüllten Orangen und Zitronen, kandierten Pfirsichen, Kürbisstücken und Kaktusfeigen, eingelegten Quitten und Äpfeln, türkischem Honig, Karamell und Konfekt, bunten Zuckerbonbons, gebrannten Mandeln, alles in Mengen, alles billig und alles begeisternd. Unsere arme Mama, die sonst so sparsam war, konnte der Versuchung der Süßigkeiten nicht widerstehen, weshalb wir unsere kärglichen Ersparnissen in den Arkaden ließen, und ich glaube manchmal sogar einen Teil dessen, der für unsere täglichen Mahlzeiten bestimmt war.« (José Vasconcelos, Ulises Criollo)
Wir waren mit den Schwiegereltern nicht in Toluca, wie José Vasconcelos, sondern in Naolinco in den Bergen nördlich von Xalapa. Aber auch dort waren die Hauptattraktion die Süßigkeiten, die in jedem Restaurant und auf der Straße verkauft werden. Die Auswahl ist in den letzten hundert Jahren kaum geringer geworden, und die Begeisterung auch nicht.
Wie die süßen Sachen im Schaufenster auf Deutsch alle heißen, wer weiß. Die dunkelbraunen Brocken rechts unten sind jedenfalls kandierte Kürbisstücke, und die hellbraunen Röllchen links oben sind das, was ich im Text von Vasconcelos als "Karamell" übersetzt habe. In Wirklichkeit nennen sie sich "jamoncillos de leche"; sie werden aus Ziegenmilch und Zucker zubereitet und erinnern an Fudge oder Butterscotch, aber so kann ich mexikanische Süßwaren natürlich nicht nennen. Also bleibt mir nur die Wahl, "Jamoncillos" zu schreiben, was kein Mensch versteht, oder einen deutschen Begriff zu verwenden, der das Produkt zumindest halbwegs trifft. Und wo wir schon bei den Tücken der Übersetzung sind, gestehe ich freimütig, dass ich mir den "türkische Honig" grade mal aus den Fingern geleckt habe. Vasconcelos spricht von "melados de caña", und nicht mal Lulú weiß, was das sein könnte -- dem Namen nach irgendwas mit Zucker und Honig. Aber da Türken beziehungsweise libanesischen Christen schon ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Mexiko eingewandert sind und Vasconcelos und seine Familie um 1890 in Toluca gewesen sein müssen, klingt der türkische Honig zumindest nicht vollkommen daneben, oder?
Was macht man in so einem Fall? Augen zu und genießen.

1 Kommentar:
Oh, wie klingt das verführerisch. Wie Weihnachtsmarkt (wie ja die kalte Jahreszeit überhaupt die schönste zum Zuckerschlecken ist), nur besser! Die Ziegenkaramells kennen wir schon aus Guanajuato, wenn ich mich nicht irre, und sie waren eine interessante süß-streng-Mischung.
Blöd nur, dass ich auf süß immer sofort auch etwas salziges essen muss - das heißt dann, dass der Bauch nochmal so voll wird...
Kommentar veröffentlichen