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Samstag, 1. Oktober 2011

Kaffee und Nachhaltigkeit

Am Mittwoch war ich in Coatepec, um mich bei ::Don Avelino::, dem besten Kaffeeröster der Gegend, mit Kaffee einzudecken. Während er den Kaffee mahlte, erzählte ich ihm von Tim Flannerys Buch, das ich im Frühjahr übersetzt habe und das gerade erschienen ist.
    Darauf fragte er mich in seiner unnachahmlichen Art: "Kannst du mir einen Gefallen tun? Wenn du Zeit hast, kannst du mir deine Position zur Nachhaltigkeit erläutern?"
    Natürlich hatte ich Zeit, denn Lulú war beim Friseur. Also machte er mir einen café espres, setzte sich zu mir und fragte mich jetzt etwas konkreter: "Die Politiker reden dauernd von Nachhaltigkeit -- aber was ist das?"
    Ich musste eine Weile überlegen: "Wenn man zurückgibt, was man bekommt."* Und so kamen wir einmal mehr auf den Kaffee zu sprechen.

Freitag, 30. September 2011

Der Schutzpatron der Übersetzer

Heute ist der Tag des Heiligen Hieronimus, des Schutzpatrons der Übersetzer, der hierzulande San Jerónimo heißt. Und genau dieser San Jerónimo ist zufällig der Patron unserer neuen Heimatstadt Coatepec (das Bild ist das Bleiglasfenster über dem Eingang der Kirche) und wird mit Umzügen, Prozessionen, Messen und einem üppigen Kulturprogramm mit viel Musik gefeiert. Literatur oder Übersetzer habe ich im Programmheft leider nicht entdecken können, aber man kann schließlich nicht alles haben. Ich finde es jedenfalls sehr beruhigend, in Rufweite meines Schutzpatrons zu leben.

Mittwoch, 13. April 2011

Die Magie der Huicholes

Die Wolke wächst wie das Maisfeld.
Sprießt Watukari, wächst und spricht.
Sprießt Mais, sprießt Hirsch,
Sprießt Itari*, und aus Itari
Sprießt die Eiche, und die Eiche
donnert wie der Regen.
"Ich schütze Coamil,**
umarme ihn, umschließe ihn,
ich lasse ihn blühen."
Der Regen umhüllt Coamil
Und es kommt der blaue Hirsch
Begleitet von seinem Bruder Mari.
Die Eiche schlägt Wurzeln,
Erhebt sich in die vier Richtungen
In den Zweigen hängt Itari,
Itari wird Wolke,
und wieder fällt Regen über den Bergen.

Dienstag, 5. April 2011

Geisterstadt in der Wüste

Anderthalb Jahrhunderte haben ausgereicht, um diese Silberstadt in ein steinernes Skelett zu verwandeln. Der Palast des Conde Maza mit seinen eisernen Gittern und barocken Simsen steht schon lange verlassen. Die Häuser des Zentrums entlang der steilen, gewundenen Gassen bröckeln vor sich hin... Der Rest des Ortes - Häuser, Mauern, Wege, Kapellen - verschwindet unter den Kakteen. Die Wüste, die einen Moment lang zurückgedrängt worden war, hat sich ihr Territorium zurückerobert. Was von Catorce bleibt, sind dunkle Häusergerippe und Bergwerksruinen, die unter den fleischigen, stacheligen Blättern der Opuntien ersticken.
Fernando Benítez, Los Indios de México

Sonntag, 3. April 2011

Der mexikanische Bruce Chatwin

"Gut, dann gehen wir jetzt ohne dich weiter.“
    Plötzlich befällt mich die Angst, dass meine ganze Reise umsonst gewesen sein könnte. Kurz bevor ich Zeuge eines Rituals werde, das vor mir noch kein Anthropologe gesehen hat, muss ich erkennen, dass es mir offenbar doch nicht gelungen ist, das Vertrauen der Huicholes zu gewinnen. Sie wollen mich in Real de Catorce zurücklassen.

Donnerstag, 24. März 2011

Lydia Cacho

In Mexiko ist die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Lydia Cacho auch Menschen ein Begriff, die keine Zeitung in die Hand nehmen. Hier und im Ausland ist sie mit Preisen regelrecht überhäuft worden. Allerdings ist sie über den Rummel um ihre Person keineswegs beglückt, denn er behindert ihre Recherche und lenkt von ihrem Thema ab. Ihr Thema, das ist die Versklavung von Frauen und Kindern zum Zweck der sexuellen Ausbeutung: Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderpornographie und das organisierte Verbrechen, in Mexiko und in aller Welt. Anfang März erschien bei S. Fischer mit Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel ihr erstes Buch in deutscher Sprache, heute stellt sie es zusammen mit Günther Wallraff auf der litCologne in Köln vor.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Neu im Februar

Im Februar erscheint das Buch Little Princes von Conor Grennan, das ich für Eichborn übersetzt habe. Der Verlag schreibt dazu:
Die Weltreise eines jungen Amerikaners endet unverhofft in einer Rettungsaktion für verschleppte Kinder in Nepal. Die packende Geschichte eines Mannes, der einfach nicht mehr wegschauen konnte. Auf seiner Weltreise macht Conor Grennan einen dreimonatigen freiwilligen Dienst in einem Waisenhaus in Nepal. Das, was er dort sieht und erlebt, verändert sein Leben. Er findet heraus, dass viele der Kinder in Wirklichkeit gar keine Waisen sind. Ihre Eltern hatten sie für viel Geld Vermittlern anvertraut, um ihnen in Kathmandu eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Wer im Waisenhaus landet, hat noch Glück gehabt. Wer ihre Eltern sind oder woher sie kommen, wissen die Kinder nicht. Trotzdem versucht Grennan das schier Unmögliche: die Kinder wieder mit ihren Familien zusammenzubringen. Monatelang reist er dabei in die entlegendsten Teile Nepals, sucht Spuren, redet mit Menschen, zeigt Fotos der Kinder. Packend und ehrlich erzählt er, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich selber derjenige ist, der handelt und das Leben der anderen verändert.

Dienstag, 11. Januar 2011

Auf seiner berühmten Reise...

...durch Mexiko, das damals noch "Neuspanien" hieß, machte Alexander von Humboldt im Frühjahr 1804 auch in Xalapa Station. Der preussische Gelehrte bereiste die Kolonie im Auftrag des spanischen Königs, unter anderem, um die Rohstoffvorkommen zu erkunden. Auf Spanisch erschien sein fünfbändiger "Aufsatz" über Mexiko allerdings erst 1822, pünktlich zur Unabhängigkeit. Trotzdem blieb die Wirkung nicht aus. Humboldts Begeisterung beflügelte die Fantasie europäischer Anleger, die wie die Heuschrecken über die Anleihen des jungen Landes herfielen. Es kam, wie es immer kommt: Die Spekulationsblase platzte. Mexiko konnte seine Schulden nicht bedienen, die ausländischen Gläubiger zettelten eine Invasion nach der anderen an und das Land versank im Bürgerkrieg. So kann es kommen, wenn Deutsche über Mexiko schreiben.
    Aber zurück zu Xalapa. Alejandro de Humboldt, der "zweite Entdecker Amerikas", verpasste der Stadt in der Sierra Madre Oriental den Beinamen "Stadt der Blumen" und verfasste in seiner leicht unterkühlten Gelehrtenprosa eine nicht unfreundliche Beschreibung, die sich auf Deutsch ungefähr so liest:

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Los Dulces

»WIR VERGNÜGTEN UNS auf den Kirchplätzen, zogen durch die Straßen und stürmten die Süßwarenstände unter den Arkaden. Dort überfraßen wir uns ein ums andere Mal an gelierten und gefüllten Orangen und Zitronen, kandierten Pfirsichen, Kürbisstücken und Kaktusfeigen, eingelegten Quitten und Äpfeln, türkischem Honig, Karamell und Konfekt, bunten Zuckerbonbons, gebrannten Mandeln, alles in Mengen, alles billig und alles begeisternd. Unsere arme Mama, die sonst so sparsam war, konnte der Versuchung der Süßigkeiten nicht widerstehen, weshalb wir unsere kärglichen Ersparnissen in den Arkaden ließen, und ich glaube manchmal sogar einen Teil dessen, der für unsere täglichen Mahlzeiten bestimmt war.« (José Vasconcelos, Ulises Criollo)

Samstag, 16. Oktober 2010

Das Mezzanin Mexikos

»ALS WIR IN XALAPA ANKOMMEN, ist es Nacht. Die Lokomotive hat eine Anstrengung vollbracht, die ich ihr bei ihrem Alter kaum zugetraut hätte. Bebend und dichte Dampf- und Rauchwolken ausstoßend, war sie die steilen Schluchten und Hänge der Sierra Madre Oriental hinaufgekeucht. Vom Balkon des letzten Waggons aus hatten wir eines der beeindruckendsten Schauspiele verfolgt, das die Natur zu bieten hat. Nicht einmal in den Anden, dreitausend Meter über dem Meeresspiegel und in der Einsamkeit der Hochsteppe, hat mir ihre Gewalt derart den Atem stocken lassen. In Mexiko vollbringt die Natur offenbar größere Wunder als anderswo.