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Sonntag, 3. April 2011

Der mexikanische Bruce Chatwin

"Gut, dann gehen wir jetzt ohne dich weiter.“
    Plötzlich befällt mich die Angst, dass meine ganze Reise umsonst gewesen sein könnte. Kurz bevor ich Zeuge eines Rituals werde, das vor mir noch kein Anthropologe gesehen hat, muss ich erkennen, dass es mir offenbar doch nicht gelungen ist, das Vertrauen der Huicholes zu gewinnen. Sie wollen mich in Real de Catorce zurücklassen.

Doch Fernando Benítez, ein mexikanischer Journalist und Anthropologe, der eine Gruppe Schamanen vom Volk der Huicholes auf ihrer jährlichen Pilgerfahrt zu ihrem Heiligen Berg begleiten darf, lässt sich nicht so einfach kurz vor seinem Ziel abschütteln. Und er hat Glück: Diese Huicholes sind eine ausgesprochen fußlahme Truppe. Sie hatten überhaupt nur zugestimmt, ihn auf ihre rituellen Wanderung mitzunehmen, weil er ihnen einen Bus gemietet und sie die fünfhundert Kilometer von der Sierra von Nayarit nach Real de Catorce gekarrt hatte, die sie Jahr für Jahr eigentlich zu Fuß zurücklegen. Als er ihnen nun in seiner Verzweiflung anbietet, Pferde zu mieten, um sich auch noch die letzten fünf Kilometer von Real de Catorce zu ihrer Kultstätte auf dem Heiligen Berg in der Wüste tragen zu lassen, stimmen die Pilger sofort zu. Dafür müssen sie in den sauren Apfel beißen und Benítez schließlich doch mitnehmen, wenn sie in die Wüste Wirikuta hinausreiten, um den haluzinogenen Kaktus Peyote zu suchen und in der folgenden Nacht ihren Göttern auf dem Heiligen Berg ihre Opfer zu bringen.
    Anthropologen würden ob dieser hemdsärmeligen Methoden die Nase rümpfen. Auch die Huicholes haben im Verlauf ihrer Busfahrt einigen Grund, ihren manipulativen Begleiter zu verwünschen. Auf dem Weg durch die zerklüftete Sierra und die Berge des zentralen Hochlands nimmt der Bus natürlich eine andere Route als sie die Schamanen zu Fuß gegangen wären. Die Huicholes verlieren jede Orientierung und verpassen eine wichtige Station auf dem Weg zu ihrem Heiligen Berg. Was sie ihm als Dank für die verpatzte Pilgerfahrt schließlich von ihren Kulten erzählen, ist daher vermutlich mit einem Körnchen Salz zu genießen. Aber was will man als Journalist machen? Zumal, wenn man vorhat, eine repräsentative Auswahl der indigenen Völker Mexikos zu beschreiben. 
    Trotz aller methodischen Zweifel ist Fernando Benítez in seinem monumentalen Werk Los Indios de México ein fesselndes Porträt der Huicholes gelungen. Und nicht nur der Huicholes. In den sechziger und siebziger Jahren besuchte er die Tarahumaras, Tepehuanes, Nahuas und Coras im Nordwesten, die Otomíes im Zentrum und die Tzeltzales, Tzotziles, Mixtecos und Mazatecos im Südosten des Landes. Mit seinem fünfbändigen Mammutwerk stellt er seinen verblüfften Lesern Welten vor, die damals für viele Mexikaner mindestens so weit weg waren wie Afrika. Die „Ureinwohner“, das waren für viele die glorreiche Vergangenheit der Azteken und Mayas, die im damals neuen Anthropologischen Museum von Mexiko-Stadt zelebriert wurde. Deren Nachfahren passten nicht ins Bild eines modernen Mexiko, sie lebten vergessen und in weiter Ferne der explosionsartig wachsenden Hauptstadt. Doch in ihrer Armut und Abgeschiedenheit hatten sie sich ihre eigenständigen Traditionen und Kulturen bewahrt, die weit in die prähispanische Zeit zurückreichen. Mit seinen Arbeiten machte Benítez die mexikanische Öffentlichkeit beinahe im Alleingang mit der Vielfalt der heutigen Kulturen innerhalb der politischen Grenzen von Mexiko vertraut.
    Carlos Fuentes feiert den Journalisten als den mexikanischen Bruce Chatwin, doch Fernando Benítez ist außerhalb von Mexiko weitgehend unbekannt. In deutscher Sprache ist lediglich seine historische Abhandlung Auf den Spuren von Hernando Cortes aus den fünfziger Jahren erhältlich. Wer sich für seine faszinierenden anthropologischen Arbeiten interessiert, dem seien als Einstieg der Bericht über seine Reise mit den Huicholes, In the Magic Land of Peyote oder die einbändige Anthologie Los Indios de México empfohlen.

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