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Samstag, 16. Oktober 2010

Das Mezzanin Mexikos

»ALS WIR IN XALAPA ANKOMMEN, ist es Nacht. Die Lokomotive hat eine Anstrengung vollbracht, die ich ihr bei ihrem Alter kaum zugetraut hätte. Bebend und dichte Dampf- und Rauchwolken ausstoßend, war sie die steilen Schluchten und Hänge der Sierra Madre Oriental hinaufgekeucht. Vom Balkon des letzten Waggons aus hatten wir eines der beeindruckendsten Schauspiele verfolgt, das die Natur zu bieten hat. Nicht einmal in den Anden, dreitausend Meter über dem Meeresspiegel und in der Einsamkeit der Hochsteppe, hat mir ihre Gewalt derart den Atem stocken lassen. In Mexiko vollbringt die Natur offenbar größere Wunder als anderswo.
   Die tropische Landschaft war in der Ebene unter uns zurückgeblieben und zu einem violetten Flecken verschwommen. Während die Lokomotive keuchend einen Höhenzug überwindet oder die Kurve einer Serpentine hinter sich lässt, eröffnet sich vor unseren Augen eine Vielfalt immer neuer Formen. Wir fahren über Wipfel von Kiefern und durch Wälder von Tannen und Araukarien, die an den Flanken der Kordilleren verschwimmen, grün in der Nähe, blau in der Ferne, dunkle Schatten in den nebelgekrönten Höhen. Über tiefe Schluchten reicht das überbordende Leben der Küste bis weit in die Sierra hinein. Im feuchtwarmen Klima gedeihen Zucker und Kaffee. Orchideen klammern sich an die Stämme der Mahagonibäume und die Zedern bilden einen leuchtend grünen Fries, in dem sich die gesamte Flora Mexikos zu vereinen scheint. Im Schutz der Blätter schwirren die Kolibris, und über den Wipfeln kreisen majestätisch die Adler.
    Während wir in den Bahnhof von Xalapa einfahren, geht ein Wolkenbruch nieder. Vor kaum drei Stunden waren wir in den Tropen gewesen und hatten unter der stechenden Sonne und der brütenden Hitze des Hafens gestöhnt. Jetzt bläst ein eisiger Wind und drückt Regenschwaden ins Abteil. Das tropische Bild, das sich im Innern bietet, scheint plötzlich vollkommen fehl am Platz. Die Bauern in ihren weißen Baumwollanzügen zittern vor Kälte, die Frauen hüllen sich in Decken und Schals. Man könnte meinen, diese eben noch so fröhlichen und selbstbewussten Menschen seien unvermittelt in einen Bottich mit eisigem Wasser getunkt worden. Unter Schimpfen und Fluchen raffen sie ihre Blumen, Orangen und Bananen zusammen, nehmen die riesigen Fische von den Fenstern, wo sie sie offenbar aufgehängt hatten, damit sie die atemberaubende Landschaft bewundern können, und sammeln die Tamales und Spielsachen ein, die sie an den Haltestellen entlang der Strecke gekauft hatten.«

Aus: Fernando Benítez, La Ruta de Hernán Cortés. Mexiko-Stadt: Tierra Firme, 1950.

Foto: Der knapp 4300 Meter hohe Cofre de Perote in der Sierra Madre Oriental, von der Pitahaya aus gesehen.

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