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Samstag, 1. Oktober 2011

Kaffee und Nachhaltigkeit

Am Mittwoch war ich in Coatepec, um mich bei ::Don Avelino::, dem besten Kaffeeröster der Gegend, mit Kaffee einzudecken. Während er den Kaffee mahlte, erzählte ich ihm von Tim Flannerys Buch, das ich im Frühjahr übersetzt habe und das gerade erschienen ist.
    Darauf fragte er mich in seiner unnachahmlichen Art: "Kannst du mir einen Gefallen tun? Wenn du Zeit hast, kannst du mir deine Position zur Nachhaltigkeit erläutern?"
    Natürlich hatte ich Zeit, denn Lulú war beim Friseur. Also machte er mir einen café espres, setzte sich zu mir und fragte mich jetzt etwas konkreter: "Die Politiker reden dauernd von Nachhaltigkeit -- aber was ist das?"
    Ich musste eine Weile überlegen: "Wenn man zurückgibt, was man bekommt."* Und so kamen wir einmal mehr auf den Kaffee zu sprechen.
    Don Avelino legte mir eine Kaffeekirsche, eine ungeschälte Bohne, eine geschälte Bohne, eine geröstete Bohne und ein Häufchen gemahlenen Kaffee auf den kleinen Kaffeetisch.
    "An jedem dieser Punkte greift der Mensch ein und beeinflusst den Geschmack. Das Wachstum der Beere hängt vom Strauch ab, vom Boden, vom Wetter, von der Niederschlagsmenge und von der Sonneneinstrahlung. Wie wir den Strauch und den Boden behandeln, wie wir den Kaffee ernten, wie wir ihn schälen, wie wir ihn rösten, wie wir ihn mahlen, wie wir ihn zubereiten und wie wir ihn servieren, das alles beeinflusst den Geschmack."
    Und dann erklärte er am Beispiel der letzten Ernte: "Wir hatten dieses Jahr eine durchwachsene Ernte. Das hatte alle möglichen Auswirkungen auf die Qualität des Kaffees. Die Nachfrage auf dem Weltmarkt war riesig, die Preise sind gestiegen, und die Kaffeeproduzenten wollten so schnell wie möglich große Mengen verkaufen. Für die Erntehelfer war das gut, sie haben einen Peso pro Kilo bekommen; aber deswegen ist viel Kaffee geklaut worden, und die Arbeiter waren extrem misstrauisch, die Stimmung war angespannt. Außerdem mussten sie schnell arbeiten und haben deswegen die Beeren einfach runtergerissen, reife und unreife. Dabei haben sie auch jede Menge Blätter mit abgerissen; das schadet dem Strauch, der die Blätter wieder ersetzen muss, und deshalb hat er kommendes Jahr weniger Kraft für die Beeren,und das merkt man. Die Kaffeeproduzenten haben den Kaffee sofort verarbeitet und ihn nach dem Despulpe" -- dem ersten Verarbeitungsschritt, der Entfernung des Fruchtfleischs -- "nicht ruhen lassen, sondern ihn sofort geschält und geröstet. Aber der Kaffee muss ruhen. Die Qualität der Beeren war durchwachsen, und die Verarbeitung schlecht. Das lässt sich beim Rösten nicht mehr korrigieren."
Die Raupe stellt ein neues Gleichgewicht her: den Friedhof
   Aber damit noch nicht genug. Don Avelino erklärte mir, dass in Coatepec immer mehr Kaffeeplantagen verkauft und durch Siedlungen ersetzt werden. Das Geschäft mit dem Kaffee ist mühsam und im Vergleich wenig ertragreich, weshalb viele Erben  das Gelände einfach so schnell wie möglich zu Geld zu machen wollen. Dadurch verschwindet eine Kultur und Arbeitsmöglichkeiten gehen verloren; der Regen wird nicht mehr in den Bergen zurückgehalten (Kaffee will es schattig und wird in Wäldern angepflanzt), sondern schießt während der Wolkenbrüche im Sommer durch die Straßen der Stadt, und im Winter, zur Trockenzeit, gibt es weniger Wasser. Das schnelle Geld der einen bezahlen die anderen.
    Nachhaltigkeit bedeutet, zurückzugeben, was ich nehme, um das Gleichgewicht zu erhalten. Aber das Gleichgewicht stellt sich auch anders ein: Wenn ich nicht zurückgebe, was ich nehme, stellt das System einfach ein neues Gleichgewicht her, aber auf einem niedrigeren Niveau. Die Differenz zahlt dann eben jemand anderes -- in diesem Fall die Erntearbeiter, die Kaffeebranche oder die gesamte Gemeinschaft. Gleichgewicht hat zunächst nichts mit Moral zu tun; es lässt sich zum Beispiel mit dem Energieerhaltungssatz erklären: In einem geschlossenen System bleibt die Summe der Energie immer konstant -- es kommt nichts hinzu, und was ich irgendwo wegnehme, muss irgendwo anders herkommen. Oder einfacher mit Buddha: Alles hängt mit allem zusammen, und jede meiner Handlungen hat Konsequenzen. Oder noch einfacher mit Shakespeare: Von nichts kommt nichts. Wie das funktioniert, erklärt der australische Biologe Tim Flannery in seinem faszinierenden Buch. Oder Don Avelino mit seinen Geschichten vom Kaffee in Coatepec.
   Es war eines dieser seltenen nachhaltigen Gespräche, bei denen beide geben und nehmen und am Ende jeder reicher ist.  Wir hätten vermutlich noch lange weiterreden können, aber ich musste los und Lulú vom Friseur abholen. Im Laden musste ich ein wenig warten, weil Lulú noch gefönt wurde, und bekam eine Tasse abgestandenen Kaffee aus der Kaffeemaschine. Während ich noch überlegte, dass diese Mikro-Geschichte des Kaffees in Coatapec doch ein spannendes Thema für ein Buch wäre, wurde es draußen finster und die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Plötzlich ging ein Wolkenbruch nieder, Blitze schlugen in unmittelbarer Nähe ein, das Wasser schoss in Fontänen aus den Wasserspeiern der Dächer herunter auf die Straße. Nach einer Viertelstunde war die Straße knöcheltief überflutet, doch der Wolkenbruch ließ nicht nach, das Wasser schwappte über den Gehsteig und stieg immer weiter. Nach einem lauten Knall war plötzlich der Strom weg. Wir saßen im Dunkeln. Durch die Decke tropfte der Regen auf mich herunter, und von der Straße strömte das Wasser in den Laden und in meine Schuhe.

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*"Nachhaltigkeit" ist ein sonderbares Wort, das sich im Deutschen noch weniger erschließt als im Spanischen oder Englischen. Es stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und meint einen Wald, in dem nur so viel Holz geschlagen wird, wie wieder nachwächst. Das Wort ist zwar eine elegante, aber leider schwer verständliche Entsprechung für das Wort "sustainability", im Spanischen "sustentabilidad", was wörtlich "Tragbarkeit" bedeutet und ganz generell ein System meint, das sich selbst erhält. Aber wer es genau wissen will, sollte Tim Flannerys Auf Gedeih und Verderb lesen -- eine Doppelbiografie der Erde und des Menschen, die einerseits den ganz großen Bogen spannt und andererseits im Detail Zusammenhänge aufzeigt, die einem den Atem stocken lassen.

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