archivo

Donnerstag, 24. März 2011

Lydia Cacho

In Mexiko ist die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Lydia Cacho auch Menschen ein Begriff, die keine Zeitung in die Hand nehmen. Hier und im Ausland ist sie mit Preisen regelrecht überhäuft worden. Allerdings ist sie über den Rummel um ihre Person keineswegs beglückt, denn er behindert ihre Recherche und lenkt von ihrem Thema ab. Ihr Thema, das ist die Versklavung von Frauen und Kindern zum Zweck der sexuellen Ausbeutung: Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderpornographie und das organisierte Verbrechen, in Mexiko und in aller Welt. Anfang März erschien bei S. Fischer mit Sklaverei: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel ihr erstes Buch in deutscher Sprache, heute stellt sie es zusammen mit Günther Wallraff auf der litCologne in Köln vor.

Lydia Cacho betont, dass sie sich ihre Rolle nicht ausgesucht hat, sondern eher zufällig hineingestolpert ist. Mit Anfang zwanzig zog die Enkelin portugiesischer Einwanderer von Mexiko-Stadt in das neu aus dem Boden gestampfte Touristenparadies Cancún auf der Halbinsel Yucatán – um Gedichte zu schreiben. Es kam allerdings weniger romantisch. Sie schrieb für eine Tageszeitung und wurde dort unversehens mit dem Thema Gewalt gegen Frauen konfrontiert, die in Cancún noch ausgeprägter ist als im Rest des Landes.  

Teufel im Garten Eden

Sie schrieb Artikel, bekam irgendwann eine eigene Radiosendung in einem regionalen Kanal, gründete eine eigene Zeitung und eröffnete schließlich Anfang 2000 ein Asyl für Opfer der häuslichen Gewalt. Doch zu ihrer Überraschung kamen in das Haus nicht nur misshandelte Frauen, sondern auch immer mehr Mädchen und Jungen, die sexuell missbraucht wurden. So stieß sie auf die Spur des Sextourismus und der Kinderpornographie in Cancún.
   Die Mädchen berichteten ihr von einem libanesischen Hotelier, der in seinem Hotel "VIP-Prostitution" anbot. Zu den Klienten gehörten bekannte Geschäftsleute und Politiker aus Mexiko und den Vereinigten Staaten. Lydia Cacho nahm die Recherchen auf und betreute die Kinder und ihre Eltern während des Vorverfahrens.
    Der Prozessvorbereitungen kamen nur schleppend voran, denn Polizei und Gerichte hatten wenig Interesse an einem Prozess gegen einen einflussreichen Hotelbesitzer. Sie unterzogen die Mädchen einem Verhör und einem quälenden psychologischen Test nach dem anderen. Offenbar war auch Geld im Spiel, denn plötzlich waren Videos und anderes Beweismaterial nicht mehr auffindbar (Polizeibeamte boten die Videos später auf dem Schwarzmarkt für Kinderpornografie an). Außerdem widerrief im Laufe des zermürbenden Vorverfahrens eine Zeugin nach der anderen – vermutlich durch Geld oder Drohungen zum Schweigen gebracht. Schließlich nahm die Bundesstaatsanwaltschaft die Ermittlungen auf, und der Hotelier setzte sich ins Ausland ab.

Eine Journalistin soll mundtot gemacht werden

     Cacho veröffentlichte ihre Recherchen Mitte 2005 in ihrem Buch Los Demonios del Edén, für das sie berühmt werden sollte. Leider weniger wegen des Inhalts als wegen der Konsequenzen, die seine Veröffentlichung für sie hatte. Am Morgen des 16. Dezember 2005 wurde sie vor ihrem Büro in Cancún von einem Dutzend bewaffneter Männer entführt. Damit begann eine rund 30-stündige Horrorfahrt durch halb Mexiko, auf der sie körperlich misshandelt, psychisch gefoltert und mit dem Tod bedroht wurde, und die sie später in ihrem Buch Memorias de una infamia beschrieb.
  Wie aus Tonbandaufzeichnungen klar wurde, die einige Wochen später der Presse zugespielt wurden, steckten hinter der Entführung Mario Marín, Gouverneur des Bundesstaats Puebla, und dessen Busenfreund, ein libanesischer Unternehmer mit dem Spitznamen "der Jeanskönig", der in Los Demonios als Freund und Gönner des Hoteliers genannt wird. Marín wollte ihr "eine Lektion erteilen, die sie nicht vergisst" und der Jeanskönig, der den Gouverneur am Telefon "precioso" ("Schatz") nannte, bedankte sich mit zwei Flaschen Cognac.
    Marín ließ Cacho in ein Gefängnis in Puebla bringen und hatte dort bereits ihren Empfang vorbereitet: Sie sollte durch andere Häftlinge misshandelt und vergewaltigt werden. Mit etwas Glück gelang es ihr, sich auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegen zu lassen. Noch am selben Tag bekamen ihre Freunde sie gegen Kaution frei.


"Der würgen wir eine rein, dass sie um Gnade winselt"

    In Puebla wurde Cacho nun vom Jeanskönig wegen Rufmords angeklagt. Dazu muss man wissen, dass das mexikanische Gesetz Journalisten nicht im Geringsten schützt: Ein rechtskräftig verurteilter Verbrecher kann einen Journalisten belangen, selbst wenn dieser über erwiesene Tatsachen berichtet, mit der Begründung, die Veröffentlichung dieser Tatsachen schade seinem Ruf. Und wer weiß, wie korrupt die mexikanische Justiz ist, der bekommt eine Vorstellung davon, welche Gefahr diese Klage bedeutete. 
    Es folgte in zermürbendes Jahr der Prozesse. Der Jeanskönig drohte, er werde ihr "eine Klage reinwürgen, dass sie verrückt wird, dass sie um Gnade winselt" und mobilisierte ein Dutzend Anwälte gegen sie. Fortwährend wurde sie Gerichtsterminen, psychologischen Gutachten und erniedrigenden Befragungen unterzogen. Dazu wurde sie von der Justiz schikaniert. Woche für Woche musste sie sich im Gefängnis von Puebla melden, das Gericht lehnte ihre Beweise ab. Der Jeanskönig kaufte zudem ihren Anwalt und brachte diesen dazu, die Beweise nicht vollständig zu präsentieren. Nach einem zermürbenden Jahr der Prozesse wurde sie schließlich freigesprochen.
    Gleichzeitig zog Lydia Cacho vor den Obersten Gerichtshof und verklagte Mario Marín. In Puebla gingen Tausende gegen den Gouverneur auf die Straße. Doch nachdem der Oberste Gerichtshof schon kurz davor stand, Marín schuldig zu sprechen, wurde der Prozess auf Weisung von oben eingestellt. Das Schätzchen blieb bis zum Ende der Wahlperiode im Dezember 2010 im Amt.
 

Öffentlichkeit gegen Gewalt und Unrecht

    Auch wenn es Lydia Cacho nicht gefällt: Man kann gar nicht genug Rummel um diese mutige und kompromisslose Journalistin machen, die wenig später einen Anschlag auf ihr Auto überlebte und bis heute mit Morddrohungen leben muss. Diese Drohungen sind sehr ernst zu nehmen: In Mexiko werden mehr Journalisten ermordet als irgendwo sonst auf der Welt. Und nicht nur von den Drogenmafias, sondern auch von Politikern und Unternehmern, denen sie mit ihren Recherchen lästig werden. Das Gesetz bietet keinen ausreichenden Schutz, die korrupte Polizei sowieso nicht, und die Gerichte entscheiden im Zweifel für die Mächtigen. Der einzige Schutz der Journalisten ist die Öffentlichkeit. Auch wenn die Preise ihr nicht das Leben retten, wie sie in ihrer Dankesrede zur Verleihung des UNESCO-Preises für Pressefreiheit 2008 sagte, lenken sie zumindest die Aufmerksamkeit auf die Situation der Journalisten in Mexiko, und auf die Wirklichkeit der vermeintlichen Pressefreiheit, wie sie die mexikanische Verfassung garantiert. Womit der Rummel um ihre Person vielleicht doch eine gewisse Berechtigung hätte.


Wer ihr Buch bestellen möchte, kann dies hier tun.


Ein Porträt der Autorin erschien im CulturMag vom 16. April 2011.

___


Foto (c) El País

Keine Kommentare: