Als ich neulich in der Buchhandlung meines Freundes Moises den Dichter José Luis Rivas traf, der lange Verlagsleiter der Universidad Veracruzana war, T.S. Eliot und Derek Walcott übersetzt und gerade beim staatlichen Fondo de Cultura sein "Best of" veröffentlicht hat, fasst ich mir ein Herz und stellte ich ihm eine Frage, die mir schon lange auf der Zunge brennt:
"Warum gibt es in Mexiko eigentlich so viele Dichter?"
Lulú stieß mir den Ellbogen in die Rippen und Moises fing an, unter seiner Theke zu kramen.
Dabei hatte ich die Frage nicht gestellt, um den guten Mann zu ärgern, sondern weil sie mich schon seit Jahren umtreibt. Mit Staunen beobachte ich, wie viele Dichter es in Mexiko gibt. Moises hat in seinem winzigen Buchladen ein ganzes Regal mit Gedichtbänden, und behauptet, dass er sie sogar verkauft; in Xalapa gibt es dauernd irgendwo einen Bardenwettstreit; der örtliche Ableger der Schriftstellergilde SOGEM gibt Dichtkurse und jeden ersten Mittwoch im Monat treffen sich im benachbarten Kulturcafé Tierra Luna die Nachwuchsdichter der Stadt zum poetry slam. Alle Welt scheint Verse zu schmieden. Allein in meinem weiteren Bekanntenkreis habe ich vier Dichter - keine pickligen Closet-Knittler, sondern lorbeerumkränzte Dichterfürsten, die bei traditionsreichen Verlagshäusern veröffentlichen, mit ihren Lesungen (kleine) Theatersäle füllen und in Literaturzeitschriften wie Letras Libres vielbeachtete Essays schreiben.
Aber ich staune nicht nur, ich bin gelegentlich auch tierisch frustriert. Mit meiner anglo-germanischen Brille habe ich jahrelang nach Romanautoren gesucht, den Don DeLillos und Philip Roths Mexikos, die dem Land den Finger auf den Puls legen und mir erklären, wie es tickt. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, dass es diese Autoren nicht gibt, und inzwischen ahne ich, dass dieser Finger ganz anders aussehen könnte. Es gibt in Mexiko zwar auch eine Erzählliteratur, aber der Roman ist nie so richtig angekommen. Der Nobelpreisträger Carlos Fuentes ist eine der wenigen Ausnahmen und bestätigt die Regel: Er gilt als Ausländer und ist im Ausland vermutlich beliebter als hierzulande. Wie zu Zeiten von Schiller und Goethe findet die mexikanische Literatur vor allem in Gedichtbänden, Essays und Zeitschriften, in Salons, Tertulias und Musenzirkeln statt.
Vom Dichter und Verleger José Luis Rivas erhoffte ich mir Aufklärung, warum das so ist. War es der lange Schatten von Octavio Paz? Die elitäre Einstellung der mexikanischen Kulturschaffenden? Oder das spanische Erbe?
"Keine Ahnung", antwortete Rivas auf meine Frage und machte ein spitzbübisches Gesicht. "Schon Ende des 16. Jahrhunderts meinte der spanische Dichter Fernán González de Eslava, in Mexiko gibt es mehr Dichter als Pferdeäpfel."
Wahrscheinlich war es einfach eine blöde Frage. Es ist halt so.

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