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Dienstag, 3. August 2010

Sortimentpflege

Die Buchhandlungen von Xalapa haben eher mäßigen Zulauf. Wenn ich Moisés in seinem Laden mit dem schönen Namen Hyperion besuche, dann sitzt er meistens nebenan im Café Tierra Luna und schielt gelegentlich durch die Glastür, um zu sehen, ob sich nicht doch jemand hineinverirrt hat. Sein Publikum besteht fast ausschließlich aus Studierenden der höheren Semester und aus Professoren, und in den Semesterferien machen auch die sich rar.
     Aber Moi lässt sich nicht beirren. Als passionierter Bücherwurm sorgt er dafür, dass sich sein Sortiment dreht, auch wenn er nichts verkauft. In einer Ecke seines Ladens stehen immer ein paar Kisten mit unverkauften Büchern, die er an die Verlage zurückschickt, und in der Tür stapeln sich Kisten mit neuen Titeln. Deswegen hat er immer frische Bücher - buchstäblich.
     Die anderen Buchhändler in Xalapa sind da unempfindlicher. Was sich nicht verkauft, das bleibt eben stehen. Das Sortiment wird immer älter und dank der immensen Luftfeuchtigkeit in Xalapa immer welliger und immer grüner. Der Begriff der "Sortimentpflege" bekommt hier eine ganz eigene Bedeutung: Neulich habe ich in einem Laden in der Innenstadt gesehen, wie eine Verkäuferin mit Schmiergelpapier den Schnitt eines Taschenbuchs bearbeitete, um ihn vom Schimmel zu befreien. In diesem Laden habe ich auch ein Exemplar von Elena Poniatowskas Roman Tinísima erstanden (dt. Ausgabe Tinissima bei Suhrkamp), einer Biografie der Fotografin und Kommunistin Tina Modotti. Als ich prüfend mit dem Finger über den leicht grauen Schnitt fuhr, fühlte der sich warm und samtig weich an.
     Weil die Bücher ewig in den Regalen herumstehen, findet man aber auch öfter mal ein Schnäppchen. Vor ein paar Wochen habe ich zum Beispiel den Roman Al Filo del Agua von Agustín Yañez entdeckt. Das Original stammt aus dem Jahr 1947, und die Ausgabe war ein Faksimile, das der Verlag Porrúa zum 50. Jahrestag der Erstausgabe, also im Jahr 1997 herausgegeben hatte. Der Schutzumschlag ist aus Papier, ohne schützende Plastikfolie, und die Seiten sind ungeschnitten. Das Buch ist in zwei Farben gedruckt, mit Holzschnitten von Julio Prieto. Das Buch hat sich vermutlich nur deshalb so lange gehalten, weil der Händler es in eine Plastiktüte gesteckt hatte (eine Form der prophylaktischen Sortimentpflege). Ich konnte natürlich nicht widerstehen. Der Roman gilt als eines der ersten modernen Werke der mexikanischen Literatur; er beschreibt das Leben in einem fiktiven Dorf in den Bergen von Jalisco am Vorabend der Revolution und wird gelegentlich mit Dubliners von James Joyce und El Llano en Llamas von Juan Rulfo verglichen. Keine muntere Bettlektüre also. Aber es ist ein unglaubliches Gefühl, mit dem Messer Bogen für Bogen die Seiten aufzuschneiden. Allein das lässt mich immer weiter lesen.
     Inzwischen sieht das Buch auch schon fast so aus wie ein Originalexemplar aus dem Jahr 1947. Auf dem Papierumschlag zeichnen sich meine Schmutzfinger ab, beim Transport in der Tasche sind ein paar Ohren geknickt worden, und nachdem es ein paar Mal zum Fenster herein und auf meinen Nachttisch geregnet hat, ist es ordentlich wellig geworden. Die Begrünung kommt bestimmt auch bald.

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