Fast so bekannt wie für seine Mole ist Puebla für die sprichwörtliche Frömmigkeit seiner Bewohner und für die vielen Klöster und Kirchen. Allein in der historischen Altstadt von Puebla gibt es an die neunzig, viele davon mit prunkvollen Fassaden und überbordenden Barockaltären. Noch mehr Kirchen hat allerdings der deutlich kleinere Nachbarort Cholula. Die Choluler behaupten gern, sie hätten für jeden Tag des Jahres eine Kirche, aber in Wirklichkeit sind es "nur" knapp hundertvierzig. So viele Pfarrer hat der Ort natürlich gar nicht, weshalb die Mitglieder der Gemeinden - also die Nachbarn der jeweiligen Kirche - ihre Feste allein ausrichten und ihre Kirche selbst in Schuss halten. Eine davon ist Santa María Tonantzintla.
Leider sind die Fotos (zum Vergrößern anklicken) vom Innern der Kirche nicht besonders scharf geworden. Das liegt nicht nur an den schwierigen Lichtverhältnissen mit dem dunklen Innenraum und dem grellen Gegenlicht aus den Fenstern der Kuppel, sondern vor allem daran, dass ich sie recht eilig aus der Hand schießen musste. Eigentlich ist nämlich in der Kirche fotografieren verboten, weil die Gemeinde ihre Postkarten verkaufen möchte, mit deren Erlös sie die Kirche instand hält. Deshalb behielten mich die beiden Jungen, die Touristen durch die Kirche führten, die ganze Zeit über misstrauisch im Auge. Also musste ich warten, bis sie mir den Rücken zuwandten und dann flott aus der Hüfte schießen. (Beim Rausgehen habe ich anstandshalber einen dicken Stapel Postkarten gekauft.) Aber die Bilder vermitteln immerhin einen kleinen Eindruck von der Explosion von Farben und Formen, die einem beim Betreten der Kirche schier die Haare vom Kopf weht.Aber das eigentlich Besondere würde man auch auf einem noch so scharfen Foto nicht sehen, und das ist die kollektive Erinnerung der Gemeinde, wie sie die jungen Führer wiedergeben. Die Kirche wurde nämlich nicht von europäischen Künstlern gestaltet, sondern von der Gemeinde selbst - von den zwangsbekehrten Cholulern, deren Vorfahren in einem Massaker zu Tausenden von den Spaniern ermordet wurden. Nach überlieferten Techniken rührten sie einen Brei aus Kalk, Sand, Gras und Kaktusschmiere an, um daraus Hunderte von Pflanzen, Tieren und Figuren zu formen; sämtliche Farben (natürlich außer dem Blattgold) stellten sie aus Pflanzen und Insekten her. Sie gaben ihren Figuren braune Gesichter, wie ihre eigenen, und stellten sie mit hervorquellenden Augen dar, wie ihre Schamanen nach der Einnahme haluzinogener Pilze. Die Choluler gestalteten die Kirche nicht nur nach dem Bild ihres aufgezwungenen christlichen Glaubens, sondern nach ihren toltekischen Vorstellungen vom Paradies.
Deshalb sind die Heiligen und Engelchen zugleich schwangere Fruchtbarkeitsgöttinnen und kindliche Regengötter, deshalb stellen die barocken Spiralen die gefiederte Schlange Quetzalcoatl dar, und deshalb benannte sie ihre Kirche nach ihrer Erdgöttin Tonantzin.Die Gemeindemitglieder, die heute die Kirche liebevoll mit Blumen schmücken und sauberhalten, und die Jungen, die uns durch die Kirche führen - sie sind die Nachfahren der toltekischen Künstler und ihrer Modelle. Sie selbst sehen von den Wänden auf sich und uns herunter. Kein Wunder, dass sie ihre Kirche so eifersüchtig behüten.

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