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Montag, 27. Februar 2012

Essen auf Rädern

Faul lümmeln wir auf dem schwiegerelterlichen Sofa und blicken lethargisch ins Leere. Das üppige Mittagessen hat sich ein wenig gesetzt, und obwohl von Hunger noch keine Rede sein kann, spüre ich irgendwo im Magen einen winzigen Hohlraum. Dieses feine Gespür habe ich erst im Land der Dickerchen entwickelt, und ich bin nicht der einzige, der ihn in diesem Moment fühlt.
   "Soll ich ein paar Quesadillas machen?" fragt Lulú.
   "Warum nicht?" antworte ich.
   "Wir haben keine Tortillas", antwortet Lulús Mutter.
   "Sandwiches?"
   "Okay."
   "Wir haben auch keinen Käse."
   Ein resigniertes Schweigen macht sich breit. Plötzlich hören wir von draußen einen schrillen Pfiff.
   "Camotes!" ruft Lulú.
   Wenige Sekunden später stehen wir vor dem Tor.
   Eine Weile lang sind wir ratlos, in welche Richtung wir laufen sollten, dann hören wir den gellenden Pfiff wieder. Wir rennen um die Ecke, die Straße hinunter, und dann sehen wir ihn schon. Ein Mann schiebt einen Kessel auf Rädern über die Straße, und als er auf der anderen Seite angekommen ist, lässt er Dampf ab und noch einmal erschallt derselbe durchdringende Pfiff.
   Nachdem wir ihn eingeholt haben, bestelle ich zwei Camotes. Der Mann zieht eine Blechlade aus dem Kessel, holt zwei Süßkartoffeln heraus und legt sie auf einen Styroporteller. Während er sie zerlegt, sehe ich mir das Wägelchen genauer an. Es erinnert mich wein wenig an die Lokomotive Emma aus Jim Knopf. Der Karren scheint aus einem alten Fass, einem Ofenrohr und ein paar Blechen zusammengenietet zu sein. Unten befindet sich eine offene Klappe, aus der die Flammen lodern. Der Lokomotivführer reisst mich aus meinen Betrachtungen.
   "Mit süßer Milch?" fragt er.
   "Klar", antworte ich.
   Er holt eine Dose hervor und kippt eine zähe, gelblich-weiße Flüssigkeit auf die tief orangefarbenen Camotes.
   "Noch ein paar gebratene Bananen?" fragt er, zieht die Schublade auf und zeigt hinein. Aber mir reichen die Camotes - genau das habe ich gebraucht.
   Das Wägelchen mit den Bananen und Süßkartoffeln ist eine von vielen segensreichen Einrichtungen, die in Mexiko zum Alltag gehören und in Deutschland vollkommen undenkbar wären. Abgesehen davon, dass der Mann natürlich keinen Gewerbeschein und keine Steuernummer hat, würde er vermutlich vom Gesundheitsamt in seinem eigenen Öfchen geröstet. Wenn man in Mexiko-Stadt im richtigen Stadtteil wohnt, kann man sie mindestens einmal die Woche irgendwo pfeifen hören. Genau wie die Tamales, auch wenn die nicht pfeifen.
    Am Abend darauf sitzen wir mit derselben satten Lustlosigkeit im Wohnzimmer der Schwiegereltern herum, als wir draußen ein leierndes Tonband hören: "Tamales oaxaqueños, tamales calientitos! Acérquese y pida sus ricos y deliciosos tamales calientitos!"
   Diesmal muss ich fünf Straßen weit laufen. Als ich endlich den Mann auf seinem Dreirad sehe, ist er schon auf der anderen Seite der breiten Avenida. Todesmutig werfe ich mich in den dichten Verkehr, um "näher zu kommen und seine leckeren und köstlichen Tamales aus Oaxaca" zu ordern.
   "Welche Tamales hast du?" frage ich noch keuchend.
   "Rote, grüne und mit Mole."
   "Zwei mit Mole bitte", sage ich.
    Er öffnet den großen Topf auf der Ladefläche und holt zwei grüne Päckchen heraus: in Bananenblätter geschlagene, mit Hähnchen und Chili-Schokoladen-Soße gefüllte, warme, leckere und köstliche Maiskuchen. Was wäre das Leben nur ohne diese unverhofften Leckereien?

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