"Heiße Erdnüsse!" krächzte der hagere alte Mann, der mit einem großen Sack über der Schulter vor dem Fenster der Kneipe vorbei ging. An der Straßenecke blieb er stehen und stellte den Sack auf dem Boden ab. Dann setzte er sich daneben auf die Bordsteinkante und schnarrte wieder seinen monotonen Singsang:"Caaaaaacahuatescalientitoos!"
Er zog die beiden Worte zu einem zusammen, sang jede Silbe monton auf derselben Note und zog dabei das erste A in die Länge, bis es so lang war wir die übrigen Silben zusammen.
Wir saßen in La Caña, einer Kneipe am Rande der Altstadt von Xalapa mit Blick auf die Seen der Universidad Veracruzana. Caña ist eigentlich ein Rohrschnaps, aber der wird hier nicht ausgeschenkt. Stattdessen sind die Spezialitäten internationale Biere aus der Spezialitätenbrauerei Beerfactory in Mexiko-Stadt und deutsche "Würst", wie sie in der Karte heißt. Lulú meint, als Deutscher müsse ich regelmäßig Wurstrationen zu mir nehmen, mich interessiert allerdings eher das hopfige Pils.
Da ich an diesem Abend keine Lust auf die teigigen, fettigen Würste von La Caña hatte, ging ich nach draußen, um bei dem alten Mann ein paar Erdnüsse zu holen. Ich hatte ihn schon bei früheren Besuchen gesehen. Offenbar saß er jeden Abend und bei jedem Wetter an dieser Straßenecke, obwohl ich nie gesehen hatte, dass er auch nur eine Nuss verkaufte. Ich selbst hatte noch nie mit ihm gesprochen, irgendwann hatte ich aber von einem Kellner seinen Namen aufgeschnappt und wusste, dass er Beto hieß.
Ich nenne Beto "alt", aber als ich vor ihm stand, hätte ich kaum sagen können, wie alt er wirklich war. Mit seinen spärlichen, zerzausten Haaren, seinen müden Augen und den schmalen Schultern unter dem viel zu dünnen Jäckchen sah er aus wie 75. Aber das täuschte wahrscheinlich, und ich nahm an, dass er in Wirklichkeit fünf oder vielleicht sogar zehn Jahre jünger war. Ich fragte ihn, wieviel seine Erdnüsse kosteten.
"20, 30 und 40 Pesos", antwortete er.
"Für 20 Pesos bitte."
Umständlich holte er eine schmierige Plastiktüte aus seiner Tasche, griff in den Sack, holte zwei Hände ungeschälter Erdnüsse heraus und steckte sie in die Tüte.
"Rösten Sie die selber?" fragte ich, während ich ihm zwei Münzen reichte.
Beto schüttelte den Kopf. "Sie bringen sie mir aus Puebla", antwortete er geheimnisvoll.
Ich glaube, ich habe im ganzen Leben noch keine so winzigen Erdnüsse gesehen, und calientitos waren sie natürlich auch nicht. Aber zum Pils schmeckten sie lecker. Als ich zum Nachschlag wieder nach draußen ging, musste ich Beto erst suchen. Der Sack stand noch auf dem Gehsteig, aber Beto stand mitten auf der Straße und wies ein riesiges SUV in eine Parklücke. Mit einem Handtuch fuchtelnd ging er erst hinter dem Wagen her, und als dieser eingeparkt hatte, sprang er zur Fahrertür und öffnete sie. Der Fahrer, ein wohlgenährter Mittdreißiger in Anzug und Krawatte, tat so, als habe er Beto nicht gesehen und drängte ihn achtlos zur Seite.
Nachdem Beto mir meine zweite Portion in meine Tüte gefüllt hatte, fragte ich ihn, ob ich ein Foto von ihm machen dürfte. Wortlos zog er seine Mütze vom Kopf, richtete sich auf und sah mit ernstem Blick auf mein Handy, als wollte ich sein Hochzeitsfoto machen. Erst als ich das Telefon weggesteckt hatte, lächte er mich zahnlos an.
"Hoffen wir, dass die Kamera nicht kaputtgeht", krächzte er. Dann setzte er sich wieder auf die Bordsteinkante und schnarrte: "Caaaaaacahuatescalientitoos!"
2 Kommentare:
hallo Jürgen, einfach wunderbar wie Du die mexikanische Wirklichkeit beschreibst! liebe Grüsse, Christa
Danke! A tus ordenes :-)
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