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Sonntag, 3. Juli 2011

Der Ochse

Auf der Suche nach dem Ochsen
durchstreife ich die endlose Weide,
folge namenlosen Flüssen und
verliere mich im Labyrinth der Wege.
Ermüdet an Körper und Geist
suche ich vergeblich nach dem Ochsen und
höre nur das Zirpen der Zikaden im nächtlichen Wald.

Eine Freundin meinte einmal, ich komme ihr vor wie ein umgekehrter Kolumbus, der nach Amerika aufgebrochen und zufällig in Asien gelandet ist. Ein hübsches Bild: Bevor ich nach Mexiko gekommen bin, habe ich vage von Meditation gehört, aber außer ein paar schrägen Religionswissenschaftlern in Marburg niemanden gekannt, der sich auch nur im Entferntesten für fernöstliche Spiritualität interessiert hätte. Seit ich hier bin, begegne ich auf Schritt und Tritt Menschen, die mindestens Hatha-Yoga praktizieren (und zwar nicht zu Videos von Jane Fonda). In jeder Stadt gibt es Dutzende Yoga-Schulen, buddhistische Zentren und Meditationsgruppen. In und um Xalapa gibt es ein Kundalini-Zentrum, eine tibetanischen Meditationschule, Hari Krishnas, La Gran Fraternidad (eine sonderbare Mischung aus Yogis und Freimaurern), eine Vipassana-Schule, diverse Ashrams und natürlich jede Menge verstreute Yogis.
    In der Altstadt haben wir nun vor einigen Wochen ein Meditationszentrum gefunden, von dem wir schon öfter gehört hatten: >>La Montaña Despierta, der Erwachte Berg. Das Haus gehört dem Psychoanalytiker Sergio Stern, der ursprünglich aus Mexiko-Stadt kommt und am Zen Center von San Francisco studiert hat; Sergio hat das Haus vor ein paar Jahren gekauft und mal eben komplett zu einem Meditationszentrum umgebaut. Im Obergeschoss hat er ein Sprechzimmer, die beiden unteren Etagen stehen der Mediationsgruppe offen. Warum jemand so was tut?
    Bei seinem letzten Besuch in Mexiko meinte der Dalai Lama, das spirituelle Zentrum der Welt habe sich von Asien auf den amerikanischen Kontinent verlagert, und zwar nach Mexiko. So abwegig wie es klingt, ist es vielleicht gar nicht. Irgendwann.


Am Fluss unter den Bäumen
entdecke ich seine Spuren!
Selbst im duftenden Gras sehe ich sie
und folge ihnen in die Berge. 
Die Spuren sind so wenig zu verbergen
wie meine Nase, die himmelwärts weist.


Die beiden Bilder stammen übrigens aus einem Zyklus des chinesischen Zen-Meisters Kakuan (12. Jahrhundert). Den ganzen Zyklus, das Lehrgedicht und eine Erläuterung findet Ihr hier.

1 Kommentar:

Chri hat gesagt…

"Der Ochs vor'm Berg", eine wunderbare Geschichte, Jürgen... ich bin da eher wie Kolumbus, ich wollt nach Indien und bin wahrlich in Mexiko gelandet(!) die Gran Fraternidad hat übrigens ihren Ursprung in Coatepec!! lbe gre, Christa