Wasser ist ein wichtiges Thema in Mexiko -- nicht nur im Hochland, wo es im Winter sieben Monate lang kaum einen Tropfen regnet, sondern auch an der Golfküste und in Xalapa, wo über das Jahr verteilt gut zweieinhalb Mal so viele Niederschläge niedergehen wie in Frankfurt: Im Sommer weiß niemand, wohin, und im Winter, woher mit dem Wasser. Dringende Fragen, an denen sich wunderbar demonstrieren lässt, wie die mexikanische Politik funktioniert.
Cándido Javier Morales Zúñiga kam mit dem Bus aus Quimixtlán in den Bergen von Puebla nach Xalapa. Den Weg vom Busbahnhof zum Gebäude der Stadtverwaltung kannte er schon von früheren Besuchen, genau wie den Weg durch das Gebäude zum Vorzimmer des Bürgermeisters. Und wie immer endete seine Reise dort. Der Bürgermeister sei nicht zu sprechen, erklärte ihm die Sekretärin. Er habe einen Brief, den er dem Bürgermeister geben wolle, erwiderte Señor Morales und zog einen Umschlag aus einer Stofftasche, die er um die Schultern geschlungen trug. Die Sekretärin ignoriert die ausgestreckte Hand. Der Bürgermeister befinde sich in einer Besprechung mit seiner Nachfolgerin und einigen Ingenieuren.
Señor Morales ist ein einfacher, etwa sechzig Jahre alter Mann, dem man schon von Weitem ansieht, dass er vom Dorf kommt. Mit seinem geflochteten Strohhut, seinem karierten Hemd, seinen metallgerahmten Schneidezähnen und seinen Sandalen wirkt er vollkommen fehl am Platz zwischen den Anzugträgern, die auf den Fluren und Treppen der Stadtverwaltung herumstehen und sich unterhalten. Der Reporter der Tageszeitung Díario de Xalapa, der gelangweilt darauf wartet, dass die designierte Bürgermeisterin zu der Besprechung erscheint, sieht ihn deshalb sofort.
Der Journalist kennt ihn schon von früher, denn Señor Morales ist der stellvertretende Bürgermeister von Quimixtlán – der Gemeinde, aus der Xalapa rund die Hälfte seines Trinkwassers bezieht. Ansatzlos erzählt Señor Morales dem Reporter, sein Ort habe beschlossen, Xalapa jetzt den Hahn abzudrehen. Sie hätten eine Dorfversammlung abgehalten, der Bürgermeister, der Pfarrer, der Vikar, und die Gemeindemitglieder von Quimixtlán und Patlanalán seien da gewesen, und alle seien sie sich einig.
"Unsere Geduld ist um", krächzt der Mann ins Diktiergerät des Reporters. "Seit Jahren fordern wir, dass unsere Kapelle Santiago Apóstol in Patlanalán ausgebaut wird, und dass Nazario Gómez Rodríguez ein Haus bekommt. Dem gehört nämlich das Grundstück, auf dem die Schleuse gebaut worden ist. Bis heute haben sie uns nicht beachtet. Vor ein paar Jahren haben sie uns die Straße nach Quimixtlán geteert, weil wir ihnen das Wasser abgestellt haben. Und das machen wir heute wieder, wenn sie uns nicht endlich die Sachen bauen, die wir schon seit Jahren verlangen."
Die Stadt Xalapa habe Zusagen gemacht und sie nicht eingehalten.
"Wir sind keine schlechten Menschen, wir wollen niemandem Schaden zufügen", fährt er fort. "Aber wir haben den Behörden von Veracruz vertraut und die haben bis heute nicht Wort gehalten. Die glauben, weil wir vom Dorf kommen und arm sind, kennen wir unsere Rechte nicht und haben vergessen, was uns Xalapa schon vor Jahren versprochen hat. Diesmal kommen wir rechtzeitig und verlangen, dass die Sachen gebaut werden. Damit Xalapa Bescheid weiß: Es hat keine Freunde mehr in Puebla."
Und jetzt Xalapa
Als die designierte Bürgermeisterin Elízabeth Morales schließlich zum Treffen mit den Ingenieuren erscheint, geht der Journalist sofort auf sie zu, erzählt ihr von der Drohung der Bewohner von Quimixtlán und fragt sie, wie sie denn nun damit umgehen wolle. Die Frau wäre vermutlich nicht Bürgermeisterin geworden, wenn sie nicht umgehend eine flockige Antwort auf den Lippen hätte. Die Wasserversorgung stehe natürlich ganz oben auf ihrer Liste. "Paradoxerweise werden wir vom Regen überschwemmt, aber wir nutzen das Wasser nicht und sind dann von anderen Bundesstaaten abhängig." Es sei natürlich ein ganz wichtiges Thema, aber es erfordere Zeit und könne ihre ganze dreijährige Amtsperiode in Anspruch nehmen. Aber es sei natürlich wichtig, die Trinkwasserversorgung für Xalapa langfristig zu sichern.
Am nächsten Tag ist der Abgesandte aus Quimixtlán der Aufmacher des Diario de Xalapa. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, meldet sich der Direktor der Wasserwerke von Xalapa zu Wort. Die Stadtverwaltung habe ihre Rechnungen pünktlich bezahlt und die Konzession für die kommenden zwanzig Jahre erhalten und zwar von der Nationalen Wasserkommission. Das Wasser gehöre nämlich dem Land und nicht dem Dorf, und deswegen hätten die Dorfbewohner überhaupt kein Recht, die Schleuse zu besetzen und das Wasser abzustellen. Cándido Javier Morales Zúñiga stamme aus Patlanalán, einem Ortsteil von Qumixtlán, in dem sich weder der Stausee noch die Schleuse befinde. Trotzdem habe Xalapa diesen Ortsteil immer wieder mit Geld unterstützt. Es gebe Pläne, in dem Ort eine Wasseraufbereitungsanlage zu bauen, und eine Vereinbarung mit der Regierung von Puebla, die Zufahrtsstraße zu teeren. Zuletzt hätte Xalapa sogar die Ausrichtung des Kirchweihfests des Heiligen Santiago bezahlt.
Per Telefon bot der Direktor der Wasserwerke den Dorfbewohnern an, sich am kommenden Freitag mit ihrem Abgesandten zu treffen. Also wird sich Cándido Javier Morales Zúñiga nächste Woche wieder in den Bus setzen und nach Xalapa fahren. Eigentlich läuft an diesem Tag das Ultimatum der Dorfbewohner ab, und es sollte der erste Stein des Anbaus der Kapelle gesetzt sein. Wir werden sehen.

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