archivo

Sonntag, 5. September 2010

Ein erster sinnlicher Eindruck...

...aus unserem neuen Haus sind die Maracujas, die wir jeden Tag im Garten finden. In einem großen Baum neben dem Haus rankt sich eine endlose Maracuja-Winde, und gestern und vorgestern haben wir im Laufe eines Tages je ein gutes Dutzend der gelben, stopfeigroßen Früchte vom Boden aufgesammelt. Das ist mehr, als wir essen können, und nun futtern wir Früh, Mittag und Abend Maracujas. Das Esserlebnis ist gewöhnungsbedürftig: Rein optisch ist das Fruchtfleisch knapp an der Ekelgrenze, die dunklen Kerne in ihrem gelben Glibber erinnern eher an Froschlaich als an Obst. Aber der Geschmack entschädigt.
     Die Maracuja ist übrigens die legendäre "Passionsfrucht". Der Name hat allerdings nichts mit "Leidenschaft" zu tun, wie ich im Botanischen Garten von Xalapa gelernt habe. Im Gegenteil, diesen Namen haben ihr die katholischen Mönche aufgedrückt, zur Verdummung der Einheimischen auf dem gekreuzigten Doppelkontinent. Der Kranz der Blütenblätter repräsentiere die Dornenkrone, so die Zwangsbekehrer, die zehn Kelch- und Kronblätter die Apostel (minus Judas und Petrus -- komische Rechnerei), die fünf Staubblätter die fünf Wundmale Jesu, und die drei Stempel die drei Nägel, mit denen er ans Kreuz geschlagen wurde. Die Kreuzfahrer verwendeten die Blüte, um den Einheimischen weißzumachen, die Natur sei nichts weiter als Schöpfung und Abbild ihres christlichen Gottes. Nebenbei boten ihnen Wunder wie die Maracujablüte eine willkommene Rechtfertigung für die Missionierung mit der Knute: Ihr Gott war schließlich schon hier gewesen und hatte ihnen Zeichen hinterlassen.
     Aber die Einheimischen wussten besser, was mit ihrem Obst los ist. Trotz dieser wirren theologischen Mär gilt die Frucht in Mexiko bis heute als Aphrodisiakum.

Keine Kommentare: