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Samstag, 17. Juli 2010

Neue Mauern

Meine Schwägerin Adriana De Villa ist Malerin, lebt in Mexiko-Stadt und stellt gerade ein Dutzend ihrer Bilder in Portugal und Spanien aus. Übers Internet hat sie vergangenes Jahr den spanischen Bildhauer Dyango Velasco kennengelernt und mit ihm gemeinsam eine Ausstellungsreihe mit dem Titel "@mbos mundos" organisiert. Adrianas Bilder und Dyangos Plastiken waren bisher in Oporto (Portugal) und Valladolid (Spanien) zu sehen und kommen Ende Juli nach Cuéllar, die Heimatstadt von Dyango. Die spanische Tageszeitung Norte Castilla feierte die Wanderausstellung als "inspirierendes Projekt"und ein wunderschönes Beispiel dafür, wie das Internet kulturelle Projekte und Austausch über Grenzen hinweg ermöglicht -- Mauern fallen, die Welt rückt zusammen, alle Menschen werden Brüder. Wenn es nur so schön wäre, wie es klingt.

Im Dezember nahm Adriana ihre Bilder von den Rahmen, rollte sie fein säuberlich auf und schickte sie nach Spanien -- auf eigene Kosten, denn die Wanderausstellung wird weder von der Kulturbürokratie noch von einer privaten Stiftung gesponsort. Sie war ein bisschen traurig, weil sie die Ausstellungen nicht selbst sehen konnte, aber die Flüge nach Europa sind für Mexikaner mit einem durchschnittlichen Einkommen kaum erschwinglich. Doch dann schenkte ihr Mann Miguel Ángel Davila ihr zu Weihnachten völlig überraschend ein Flugticket, damit sie wenigstens eine ihrer Ausstellungen sehen konnte. Wie er das bezahlt hatte, wollte Adriana gar nicht wissen -- sie war begeistert. Sie verabredete mit Dyango, vom 3. bis 12. August 2010 nach Cuéllar zu kommen, um an der Abschlussveranstaltung der Ausstellung teilzunehmen. Dyango war genauso begeistert und lud sie zu sich nach Hause ein.

Vor ein paar Tagen rief das Reisebüro an, um Adriana zu informieren, dass der Abflug um eine Stunde vorverlegt wurde. Wie nebenbei fragte die Mitarbeiterin, ob Adriana ihre Einreisedokumente zusammen habe.

"Einreisedokumente? Welche Einreisedokumente?" fragte Adriana.  "Reicht für Spanien nicht der Reisepass?"

Daraufhin teilte ihr die freundliche Mitarbeiterin des Reisebüros mit, dass es seit Mai neue Einreisebestimmungen für Touristen gebe, die aus nicht-europäischen Ländern nach Spanien reisen wollen. Bei der Einreise müsse Adriana eine Reiseroute vorlegen, für den gesamten Zeitraum bezahlte Hotelbuchungen vorweisen, für die neun Tage mindestens 561,60 Euro in bar in der Tasche haben, und natürlich ein Rückflugticket mitbringen, um überhaupt einreisen zu dürfen. Wer diese Auflagen nicht sämtlich erfülle, werde am Flughafen direkt wieder ins nächste Flugzeug nach Hause gesetzt, auf eigene Kosten natürlich. Wenn Sie bei einem Freund oder Verwandten übernachten wolle, müsse dieser sie erst auf der örtlichen Meldebehörde registrieren und ihr eine Einladung mit allen offiziellen Stempeln schicken, damit sie durch die Flughafenkontrollen komme, und bei ihrer Ankunft müsse er sie bei der Behörde an- und wieder abmelden.

Adriana wollte es nicht glauben und recherchierte im Internet. Dort fand sie nicht nur die gesamte Liste der Anforderungen auf der Seite des Außenministeriums, sondern zum Beispiel auch einen Artikel über eine 88-jährige argentinische Großmutter namens Ada Ghiara, die seit dreißig Jahren jeden Sommer nach Spanien reist, um ihre Kinder und Enkelkinder zu besuchen; sie sei sieben Stunden lang am Flughafen von Barajas festgehalten worden, habe kein Wasser bekommen, und sei im nächsten Flugzeug zurück nach Argentinien geschickt worden. Oder die Geschichte von María del Rosario Joya Cepeda, einer Regierungsbeamtin des Bundesstaats Mexiko, die ihren Freund in Barcelona besuchen wollte, dort am Flughafen zwölf Stunden lang verhört und wie eine Verbrecherin behandelt und postwendend wieder nach Hause geschickt wurde.

"Ausgerechnet Spanien!", schimpfte Adriana. "Wozu feiern die eigentlich jedes Jahr eine Riesenzeremonie, um sich dafür zu bedanken, dass Mexiko während der Franco-Diktatur die Flüchtlinge aufgenommen hat!?"

Aber es war nicht die Zeit für Lamentos. Bis zum Abflug blieben nur noch drei Wochen, und Adriana musste etwas unternehmen. Ursprünglich war geplant, dass Adriana bei Dyango wohnen sollte. Also rief sie ihn an, erklärte ihm die neue Situation und bat ihn, die Formalitäten auf der Meldebehörde zu regeln. Dyango war die Sache sehr peinlich, und er machte sich sofort auf den Weg. Aber auf dem Einwohnermeldeamt in Cuéllar beschied man ihm, es sei zu spät, er hätte sich zwei Monate vorher melden müssen, und jetzt sei die Frist abgelaufen. Als Dyango auf die Ausstellung verwies, zuckten die Beamten nur die Schultern: Leider, leider, da könne man gar nichts machen. Also musste Adriana in einem Hotel übernachten und irgendwie noch ein Zimmer buchen. In seiner Güte bot Dyango Adriana an, eines ihrer Bilder zu kaufen und dafür die Übernachtungen zu buchen. Blieben die 561,60 Euro, die Adriana nicht hat.

Adriana erzählte ihrer Schuldfreundin Cristina Liceaga von ihrem Problem. Cristina ist mit einem Italiener verheiratet, lebt als Journalistin in Bozen und ist den Sommer über bei ihrer Familie in Mexiko-Stadt. Sie schreibt über Migration und die menschenverachtende Behandlung der afrikanischen und albanischen Migranten, die mit Booten in Italien landen und von den Behörden wieder aufs Meer zurückgeschickt werden; letztes Jahr hat sie einen Preis für einen ihrer Artikel gewonnen. Cristina erzählte Adriana, dass in Italien und Frankreich inzwischen ähnliche Regelungen gälten wie in Spanien, und dass die Unterzeichner des Schengener Abkommens immer massiver gegen Ausländer aus Lateinamerika und Afrika vorgingen. Cristina stellte einen Kontakt zu einer Freundin bei der mexikanischen Nachrichtenagentur Notimex her, die wiederum Verbindungen zum Kulturamt der Stadt Segovia hat. Nach einem Anruf in Segovia schickte die Leiterin des Amts Adriana eine schriftliche Einladung, die sie der Einreisebehörde vorlegen soll. Adriana hofft nun, dass das ausreicht.

Festgelegte Reiserouten, Zwangsumtausch, Meldezwang -- mir blieb die Spucke weg, als Adriana mir davon erzählte. Greift die vermeintlich so freiheitliche Europäische Union inzwischen zu sowjetischen Methoden, um Ausländer aus unerwünschten Kontinenten fernzuhalten? Ist das die geniale Europäische Idee? Oder der ehrgeizige Versuch der Europäer, eine bessere Mauer zu bauen als den Eisernen Vorhang der Russen oder die Mauer der Amis in der Wüste von Sonora? Eine unsichtbare Mauer, für eine perfektere Apartheid? Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -- aber nur für Besitzer der Gold Card.

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Ein interessanter Artikel zur europäischen Festungspolitik erschien 2009 in Le Monde Diplomatique.