Es war ein leichter Unfall. Auf der Umgehungsstraße um Xalapa mischte sich der Feierabend- in den Durchgangsverkehr, in einer Kurve stockte es, und der schwarze Pickup mit den vespiegelten Scheiben fuhr auf mein Taxi auf. Es tat einen leichten Rumms, mein Kopf nickte einmal vor, einmal zurück, und einmal an die Decke des Wagens. Der Taxifahrer hielt sich den Nacken, rief die Zentrale an und stieg aus.
Der Fahrer des Pickup, ein unsympatischer Mittfünfziger mit zurückgegeltem Haar und Oberlippenbärtchen, stand schon auf der Straße und ging auf den Taxifahrer zu. "Ist doch alles nicht so schlimm, Amigo, das kann man doch alles regeln..." Der Taxifahrer ging gar nicht darauf ein und telefonierte -- es war nicht sein Taxi, der Fahrer des Pickup war offensichtlich nicht versichert, und er wollte nicht auf dem Schaden sitzenbleiben. Es dauerte nicht lange, und ein Polizeiwagen fuhr vor.
Ich war sauer und hatte gute Lust, mir gleich auf der Straße ein anderes Taxi zu nehmen. Dann wurde ich unsicher. Der Fahrer des Pickup kam auf mich zu und meinte, das wäre doch alles halb so schlimm, und überhaupt, er wolle nicht ins Gefängnis, und was nicht. Ich hielt sein Geschwätz für übertrieben, außerdem fühlte sich mein Nacken ein bisschen steif an und ich hatte gehört, dass man ein Schleudertrauma oft erst ein paar Tage später zu spüren bekommt. Mir ging es wie dem Taxifahrer: Wenn der Typ uns schon hintendrauf rauscht, dann soll er auch zahlen. Also setzte ich mich wieder ins Taxi, und wir fuhren zusammen auf die Wache der Verkehrspolizei.
Unterwegs erzählte mir der Taxifahrer, auf der Wache sei eine Ärztin, und ich solle mich auf jeden Fall untersuchen lassen. Er rieb sich den Nacken. Diese Traumageschichten seien unberechenbar. Und überhaupt, der Typ solle ruhig zahlen. Dem ginge nur der Stift, weil er betrunken sei -- im Auto hätten jede Menge leere Bierdosen herumgelegen. Ich wurde etwas unruhiger und rief Lulú an. Die sagte mir, ich solle mich auf jeden Fall untersuchen lassen. Als wir auf die Wache kamen, wartete sie schon auf mich.
Nachdem die Ärztin den Fahrer des Pickup untersucht und ihm Blut abgenommen hatte, kam ich an die Reihe. Sie schrieb meinen Namen auf ein vollgekritzeltes Blatt Papier, drückte dann ein wenig an meinem Hals herum -- Tut das weh? Nein. Tut das weh? Auch nicht -- und schickte mich dann kommentarlos wieder auf den Flur.
Kaum draußen, kam einer der Polizisten auf mich zu und sagte, der Pickup-Fahrer wolle uns ein Angebot machen. Also gingen wir in ein kleines Kabuff, in dem der Fahrer und zwei Polizisten saßen. Meine Anwältin Lulú ließ mich gar nicht zu Wort kommen. Sie wolle Röntgenaufnahmen, Untersuchung, Medikamente, alles bezahlt. Der Pickup-Fahrer meinte, er wolle ja gern Zugeständnisse machen, aber Lulú unterbrach ihn. Wenn jemand Zugständnisse mache, dann sie, denn schließlich sei er unter Alkoholeinfluss gefahren und sie könne verlangen, dass er dem MP vorgeführt wird. Das MP, erinnerte ich mich, ist so eine Art Kriminalpolizei. Dort wäre der Mann vermutlich tatsächlich erstmal eingebuchtet worden. Der Pickup-Fahrer war sofort sehr entgegenkommend. Also, ja, natürlich, was immer wir wollten, er sei da vollkommen offen. Also einigten sie sich darauf, dass Lulú keine Anzeige erhebt. Als Sicherheit, dass der Mann am Ende tatsächlich zahlt, seine Fahrzeugpapiere und seinen Führerschein einbehält.
Einer der Polizisten hackte eine Einigung in seinen Computer, die beide Parteien unterschreiben sollten. Die druckte er dann aus -- auf weissem Papier, ohne Siegel der Polizei, ohne Unterschrift der Beamten. Lulú meinte, sie wolle, dass die Polizisten den Vorfall aufnahmen, sie wolle die Unterschrift der Beamten und den Bericht der Ärztin. Nein, das ginge nicht. Wenn wir das wollten, müssten wir formell Anzeige erstatten.
"Sie sind doch Anwältin, das wissen Sie doch", meinte der Polizist provozierend.
"Genau, ich bin Anwältin, deswegen weiß ich ja, was hier gespielt wird."
Ich stupste Lulú an. Auf eine Anzeige hatte ich überhaupt keine Lust -- nicht aus Nächstenliebe, sondern weil man da, nach allem was ich gehört hatte, die ganze Nacht herumhockt. Während Lulú sich weiter mit den Polizisten herumzankte, was alles in diese Einigung aufgenommen werden müsse, ging raus auf den Flur. Dort hockte inzwischen der Sohn des Pickup-Fahrers. Er trug ein modisch-zerrissene Hose an, und durch einen dieser riesigen Risse hing sein Hosensack heraus. Durch den dünnen Stoff sah ich eine dicke Rolle 500-Peso-Scheine.
Als ich wieder zurück ins Kabuff kam, hatte sich Lulú mit dem Typen geeinigt und der Polizist druckte gerade ein neues Papier aus. Wir sollten 700 Pesos bekommen, umgerechnet etwas mehr als 40 Euro, und fertig. Etwas erstaunt unterschrieb ich die Einigung, steckte die 700 Pesos ein und gab dem Pickup-Fahrer die Hand. Dann waren wir auch schon draußen, und der Taxifahrer drängte sich hinter uns ins Kabuff.
Den ganzen Nachhauseweg über schimpfte Lulú. "Ich hätte gute Lust, zum MP zu gehen und die ganze Bande anzuzeigen, und die Ärztin gleich mit dazu. Die hätten uns nie auf die Verkehrswache bringen dürfen. Der Fahrer war betrunken, die hätten ihn gleich einbuchten müssen, ohne langes Palaver. Der Wisch, den die da aufgesetzt haben, hatte null Gültigkeit! Das ist so, als wären wir nie auf der Wache gewesen! Das war doch nur zynisch! Die haben keinen Bericht geschrieben, und die Ärztin keinen Befund. Dafür haben sie den Typen wahrscheinlich ordentlich zur Kasse gebeten. Betrunken, ohne Versicherung, der Taxifahrer, die Ärztin ... das war bestimmt teuer."
Aber von den 700 Pesos sind wir am Wochenende immerhin zweimal Essen superlecker gegangen.

2 Kommentare:
Da kann ich ja froh sein, dass mir dieses Wochenende nichts widerfahren ist, es scheinen nämlich Neubauer-Unfalltage zu sein: Eben rief mich Papa an: die Knie-Operation morgen muss höchstwahrscheinlich gestrichen werden, weil er beim Spazierengehen vom Bordstein geplumpst ist und sich höchstwahrscheinlich die Hand, mit der er demnächst die Krücke halten sollte, zumindest verstaucht hat. Dumm gelaufen! Ich bleibe jetzt also heute abend zuhause, die Gefährdungslage ist mir zu brisant.
Ich denke, ihr habt, was die Entschädigung angeht, die richtige Entscheidung getroffen. Wer weiß, wie viel Ärger ihr noch gehabt hättet und mit wem. Wie geht's Deinem Hals? Wieder ok? Kannst Dir ja in jedem Falle Massagen von Lulú verabreichen lassen, das hilft immer;-)
Auf jeden Fall: Gute Besserung !!!
Deine Ahnung zu den Neubauer-Unfalltagen war korrekt -- sei froh, dass Du zuhause geblieben bist. Uns ist auf dem Weg zur Hochzeit der Keilriemen gerissen. Zum Glück mitten in einem Dorf, wo uns ein paar Mechaniker geholfen haben, den Wagen wieder flott zu machen. Zum Glück ist uns der Motor heilgeblieben.
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