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Donnerstag, 22. März 2012

Die Wolke

Es ist der Tag nach Frühjahrsbeginn, draußen scheint die Sonne und ich sitze wie immer am Computer. Gerade hat mir mein Schwiegervater den Link zur Botschaft einer geheimnisvollen Illuminati-Sekte geschickt, die ein heftiges Erdbeben für Mexiko-Stadt vorhersagt. Unter der Überschrift "Warnung für den 22. März!" ist ein Bild der Erde mit verschiedenen Winkeln und Achsen abgebildet, das erklären soll, warum die Erde heute um 16:45 einen kleinen Ausfallschritt machen und Mexiko durchrütteln wird. Ich habe keine Zeit für den Weltuntergang, meine Lektorin wartet darauf, dass ich meine Übersetzung abliefere.
   Über das Klackern der Tastatur höre ich draußen ein unbekanntes Knattern. Erst achte ich nicht darauf, doch irgendwann lässt es sich nicht mehr überhören. Das Geräusch kommt aus der Richtung einer kleinen Kapelle in unserem Ortsteil und ich vermute, dass es Böller sind. Die Kapelle ist zwar dem Apostel Johannes geweiht, der seinen Feiertag Ende Juni hat, aber die Mexikaner finden immer einen Grund zum Feiern. Vielleicht wärmen sie sich ja für den Papstbesuch auf. Aber sonderbar ist das schon, denn ich habe nirgends eine Ankündigung gesehen. Ich gehe nach draußen, um das Geräusch besser zu hören, doch nun ist alles still. Irgendwo weit weg rumpelt ein Lastwagen. Ich gehe wieder nach drin und tippe weiter. Wenig später knattert es wieder, und ich höre ein dumpfes Bumm!
   Ein paar Minuten später kommt Lulú die Auffahrt heraufgefahren. Ich setze Spaghetti auf und wärme die Reste der Nudelsoße von gestern. Dann setzen wir uns in den Garten.
   "Mir ist grade was komisches passiert", erzählt Lulú. "Ich war völlig allein auf der Autobahn, auf meiner Spur war niemand, auf der anderen auf nicht. Und kurz vor Coatepec, da wo die Bögen sind, habe ich plötzlich eine große, weiße Wolke gesehen. Die Wolke war hinter den Bögen, und es hat ausgesehen, als hätte jemand das Tor verschlossen. Dahinter habe ich gar nichts gesehen. Ich habe erst gedacht, es wäre Rauch. Aber es war eine Wolke. Sie hatte überhaupt keine Form, es war wie ein dicker, weißer Nebel. Ich habe richtig Angst bekommen! Zum Glück war sie erst hinter der Abfahrt."
   Ihre Erzählung wurde durch das Knattern unterbrochen.
   "Was ist das?" fragt Lulú.
   "Ich glaube, das sind Böller", antworte ich mit vorgetäuschter Lockerheit. "Das muss von der Kapelle kommen."
   "Aber ich habe niemanden gesehen, als ich eben vorbeigefahren bin", erwidert Lulú und lauscht. Es ist wieder still. Sie erzählt weiter, als es wieder knattert. Dann hören wir ein dumpfes Rumsen.
   "Ich gehe rein und schaue mal nach dem Essen." Drin gieße ich die Nudeln ab, schöpfe auf und bringe Teller und Besteck in den Garten.
   "Hast du noch was gehört?" frage ich.
   "Nein, alles ruhig", sagt Lulú.
   Während wir essen, erzählt mir Lulú von den Neurosen ihrer Patienten, aber sie ist nicht bei der Sache, sondern horcht dauernd in Richtung der Kapelle.
   "Hörst du das?" fragt sie.
   "Was?"
   "Sind das Hubschrauber?"
   "Quatsch", sage ich entschieden.
   Nachdem wir die letzte Nudel weggezutzelt haben, steht sie auf und geht nach drin. Als ich nachkomme, sitzt sie am Rechner.
   "Hier, schau mal", sagte sie und zeigt ein wenig bleich auf den Bildschirm. Straße zwischen Xalapa und Coatepec gesperrt. Bislang schwerster Zusammenstoß von Drogenbanden in Xalapa.
   "Wie, Straße gesperrt?" frage ich. "Du bist doch eben noch reingefahren!?"
   "Hier stehts. Die alte Landstraße und die Autobahn zwischen Xalapa und Coatepec sind gesperrt, sämtliche Ausfahrten aus Xalapa sind dicht."
   "Steht da, was passiert ist?"
   "Nichts. Mach mal das Radio an."
   Da ich nie Radio höre, habe ich keine Ahnung, welchen Sender ich einstellen soll. Lulú findet ein paar Frequenzen im Internet, die ich nach und nach suche. Der Empfang ist katastrophal, aber die Sender dudeln sowieso nur seichte Schlager. Nachrichten Fehlanzeige. Im Sender der Universität hören wir schließlich, an der Pazifikküste entstehe gerade ein neuer Vulkan. Das hätten Erdbebenforscher der UNAM festgestellt, als sie untersuchten, warum es seit dem Beben vom Dienstag so viele Nachbeben gegeben habe.
   "Schau doch nochmal im Internet."
   In Twitter nichts als Fragen. "Was ist los in Xalapa?" "Stimmt es, dass alle Straßen nach Coatepec gesperrt sind?" Keine Antwort.
   Endlich eine Meldung in einer kleinen Internetzeitung.
   Zusammenstoß in Tlalnelhuayocan. Verfolgungsjagd bis zur alten Landstraße, von dort weiter nach Coatepec. Heftige Schusswechsel, schwere Waffen, Granatwerfer. Militär überfliegt Region mit Hubschraubern. Nach inoffiziellen Berichten zwei Tote, eine Verletzte. Fortsetzung folgt.
   Auf Google Maps sehe ich, dass das Dorf mit dem unaussprechlichen Namen in den Bergen oberhalb von Xalapa liegt. Von dort sind es 25 Kilometer und mehr als 1000 Höhenmeter bis herunter zu uns – ich kenne die Strecke, eine Serpentinenstraße mit furchtbaren Schlaglöchern. Wenn sie diese Strecke heruntergerast waren, mussten sie stabile Autos haben. Wir wohnen an der alten Landstraße, von der Einmündung sind es noch einmal fünf Kilometer bis zu uns – aber nicht in der Richtung, in die die Narcos angeblich geflüchtet sind. Irgendetwas stimmt an der Geschichte nicht.
   In diesem Moment knattert ein Hubschrauber über unser Haus hinweg. Ich gehe vor die Tür und sehe hinauf in den Himmel, als könnte der meine Fragen beantworten. Es ist ein Hubschrauber mit Tarnbemalung, aus der Kanzel ragt etwas, das aussieht wie der Lauf eines Maschinengewehrs.
   Die Fortsetzung in der kleinen Internetzeitung bleibt aus, stattdessen posten die Redakteure Bilder vom händeschüttelnden Gouverneur und der lächelnden Bürgermeisterin. Auch auf Twitter keine Antworten. Das revolutionäre Informationsmedium wird zum Verkehrsfunk mit endlosen Retweets von Alles dicht in Xalapa, alles tot in Coatapec. Dazwischen ein paar Mal Wow, Xalapa ist tt!
Ich suche in nationalen Zeitungen. Nichts, kein Wort, kein Liveticker, keine Erwähnung.
   "Sieht nach einer Nachrichtensperre aus", meint Lulú. "Warten wir mal ab, was die uns nachher auftischen."
   In einer Tageszeitung stoße ich inzwischen auf einen anderen Bericht. Im Zentrum von Mexiko-Stadt werden Hochhäuser evakuiert, weil das im Internet angekündigte Beben die Bürobevölkerung in Panik versetzt. Menschenmassen auf der Straße, der Verkehr kommt zum Erliegen, die Polizei fordert die Passanten auf, die Straße zu räumen, es sei nichts passiert.
   Wir setzen uns auf die Terrasse, trinken Kaffee, schauen in den Himmel und spekulieren, was vor unserer Haustür passiert sein könnte.
   "Meinst du, die Wolke war von einer Granate?" fragt Lulú.
   Ich zucke die Schultern.
   Stundenlang knattern die Helikopter, gelegentlich hören wir Sirenen. Am späten Nachmittag verschwinden die Hubschrauber. Dann endlich ein neuer Bericht in unserer obskuren Internetzeitung. Die alte Geschichte ist verschwunden, die neue liest sich plötzlich ganz anders.
   Zwei Personen haben eine Polizeistation an der alten Landstraße zwischen Xalapa und Coatepec angegriffen, es kam zu einem Schusswechsel. Armee und Militär nahmen die Verfolgung auf. Auf der Autobahn haben die Bewaffneten ihr Auto zurückgelassen und sich in die Büsche geschlagen.
   Lulú lacht. "Wer soll das glauben? Zwei Deppen kommen auf die geniale Idee, auf Polizisten zu schießen? Und die mobilisieren die Armee und die Marinesoldaten und legen die ganze Stadt lahm? Wer sind die zwei? James Bond und Compagnon?"
   Keine Rede mehr vom schwersten Zusammenstoß zwischen Narcos, keine Toten, keine Verletzen. Wahrscheinlich haben alle nur aus Freude über den Papstbesuch in die Luft geschossen.
   Wir starren auf Google Maps, um die Lage zu rekonstruieren, aber es wird immer undurchsichtiger. Schießereien im Norden von Xalapa, Flucht im Süden, Straßensperren im Osten. In dieser Meldung lässt sich die Schießerei, die wir gehört haben, noch weniger verorten als in der ersten. Die Teile passen immer weniger zusammen.
   Gegen Abend hat endlich auch die Tageszeitung Diario de Xalapa eine erste Meldung. Die Zeitung ist eine Art Regierungsorgan und die Meldung so etwas wie die offizielle Version.
   Auf der Autobahn von Xalapa nach Coatepec wollten zwei Personen ein Auto anhalten und stehlen. Armee und Militär nahmen die Verfolgung mit Hubschraubern auf. Stundenlange Sperre der Autobahn. Alles unter Kontrolle.
   Und plötzlich schwebt sie wieder über die Straße, die weiße Wolke. Wie ein dicker, klebriger Nebel hüllt sie die Landschaft ein. Sie legt sich auf alles, Hubschrauber und Autos, Soldaten und Narcos, Internet und Radio, und lässt keinen Blick zu auf das, was sich dahinter verbergen könnte.

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