Während Kim "El Dotcom" Schmitz im Knast sitzt, weil über seinen Online-Dienst Megaupload ein paar Filme getauscht wurden, steht Diego an der Hauptstraße von Coatepec und verkauft raubkopierte Videos. An seinem fünf Meter langen Stand hat er Hunderte Filme im Angebot, darunter einige, die gerade erst im Kino angelaufen sind. Mit 30 Pesos (2 Euro) kostete die DVD etwa die Hälfte einer Kinokarte und ein Viertel einer Original-DVD. Die Filme sind nicht immer Spitzenqualität, viele Raubkopien werden heimlich von Vorführern im Kinosaal aufgenommen, die Bilder sind verschwommen, der Ton blechern, im Hintergrund rattert das Vorführgerät. Aber für viele Familien, die am Tag mit 10 Euro oder weniger auskommen müssen (etwa die Hälfte der Bevölkerung), ist das die einzige Möglichkeit, neue Filme zu sehen.
Es sind allerdings nicht nur die Angehörigen der Unterschicht, die bei Diego einkaufen. Während ich Los Muppets in die Hand nehme, die seit einer Woche in den Kinos laufen, hält am Straßenrand ein weißer Sequoia, das größte Toyota-SUV auf dem mexikanischen Markt. Eine reichlich mit Ketten und Ringen behängte Dame lässt die getönte Scheibe herunter und Diego reicht ihr einen Stapel aktueller Schmonzetten, aus dem sie sich eine aussucht.
Natürlich versucht die Filmindustrie, den Handel mit Raupkopien zu unterbinden und behauptet, die piratería in Mexiko verursache jedes Jahr einen Schaden von einer halben Milliarde Dollar - die Summe ist aus der Luft gegriffen, denn die wenigsten Kunden würden sich die Originale kaufen. Um den Käufern von raubkopierten Filmen ein schlechtes Gewissen einzureden, werden jeder DVD hochmoralische Spots vorangestellt, doch über dieses Vorprogramm amüsieren sich die Mexikaner nur köstlich. Hier sind alle Piraten.
Wie Diego leben im ganzen Land Tausende Straßenhändler vom Verkauf von Raubkopien, ohne dass sie von der Ordnungsmacht behelligt würden. Die Produktion und der landesweite Vertrieb der piratería sind bestens organisiert. Die Händler scheinen sogar eine effektive Zielgruppenanalyse vorzunehmen: Während sich Diego, der mit seinem Stand neben der Bushaltestelle vor allem Arbeiter aus den Dörfern um Coatepec bedient, auf Zeichentrick-, Liebes- und Ballerfilme für die ganze Familie spezialisiert hat, werden auf einem Markt im Zentrum von Xalapa auch internationale Arthouse-Filme angeboten; dort kann man per Telefon bestellen und die DVDs am nächsten Tag abholen. Ein Service, den die Filmindustrie erstmal nachmachen muss.


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