Der Innenraum wirkt, als wäre er seit fünfzig Jahren nicht mehr renoviert worden. Die Wände und Vorhänge sind nikotingelb, vom Teppich ist nur noch der zerfaserte Rücken übrig, die Dielen darunter drohen bei jedem Schritt einzubrechen. Die Tische sind winzig, die Stühle scheinen aus dem Kindergarten zu kommen, und als ginge es darum, das Cliché abzurunden, sind die karierten Tischdecken voller Brandlöcher. Wir setzen uns an einen Tisch in der zweiten Reihe, um nicht zu dicht an der Bühne zu sitzen. Auf dem Podest stehen drei Barhocker, dahinter hängt eine schmuddelige Polyesterdecke mit Tigermuster, offenbar um ein Fenster abzudecken.
Ein runzliger Kellner bringt uns eine abgefingerte, handgeschriebene Karte. Wir bestellen Bier, Quesadillas und eingelegte Chillischoten. Kaum steht das Bier auf dem Tisch, steigt ein dicklicher junger Mann mit Gitarre auf die Bühne. Umständlich klettert er auf einen Barhocker, richtet sein Mikrofon und blättert in einem Aktenordner. Er hat die Haare zurückgegelt, was seine Pausbacken noch roter und runder hervortreten lässt. Über seinen Bauch spannt sich ein kariertes Hemd von undefinierbarer Farbe. Nach einigem Blättern setzt er sich auf und nickt uns schüchtern zu.
„Guten Abend. Ich beginne mit einem Lied von Óscar Chávez, 'Macondo'.”
Mit einer Flinkheit, die ich ihnen nie zugetraut hätte, zupfen seine kurzen Wurstfinger die Saiten der Gitarre. Seine Stimme klingt ein wenig unsicher, als er das Lied über den hundertjährigen Don José Arcadio singt, der sich an seine längst vergangene Jugend in Macondo erinnert, von verblichenen Jugendlieben träumt und seine eigene Musik dazu hört.
Wir applaudieren vorsichtig, und er schenkt uns ein kaum merkliches Nicken. Dann blättert er wieder ein wenig in seinem Aktenordner und beginnt mit dem Vorspiel zu ::„Ojalá” von Silvio Rodríguez::. Er wirkt gelöster, leicht perlen ihm die komplizierten Akkorde von den Saiten, seine Stimme ist ruhig und erinnert an den zerbrechlichen Gesang der kubanischen Trova-Legende.
Das Lied ist eine Aneinanderreihung von immer komplexeren Verwünschungen einer Geliebten, oder, so behaupten manche, des Kapitalismus:
Ojalá que las hojas no te toquen el cuerpo cuando caigan
para que no las puedas convertir en cristal.
Ojalá que la lluvia deje de ser milagro que baja por tu cuerpo.
Ojalá que la luna pueda salir sin tí.
Ojalá que la tierra no te bese los pasos.
Möge der Regen kein Wunder mehr sein, das an deinem Körper herabfließt. Möge die Erde deine Schritte nicht küssen. Wie die meisten Lieder von Silvio Rodríguez birst auch dieses vor kraftvollen poetischen Bildern, deren genaue Bedeutung vermutlich nicht einmal er selbst versteht.
Während der Dicke das dritte Lied anstimmt, kommen erst die Quesadillas, dann fünf Frauen, die sich an einen Tisch hinter uns setzen. Ich bin erleichtert, dass wir mit unserem Applaus nicht mehr allzu unangenehm auffallen. Im Laufe der nächsten halben Stunde folgen ein schwules Pärchen, ein Ehepaar mit einer vielleicht fünfzehnjährigen Tochter, und schließlich ein alter Mann mit Hut und Stock. Dann setzt der Regen ein, und es kommt niemand mehr.
Für die fünf Frauen hinter uns scheint es nicht die erste Station an diesem Abend zu sein. Sie sind bester Dinge, singen lauthals mit und streiten sich nach jedem Lied, was sie als nächstes hören wollen. „Yolanda! Yolanda!” „Nein, Fina Estampa!” „Was von Tania Libertad!” Der Zuspruch tut dem Dicken sichtlich gut und seine Backen werden noch röter. Viele der Noten hat er nicht mitgebracht, doch er kennt die Lieder natürlich trotzdem. Nach einer guten Stunde klappt er seinen Aktenordner zu, verbeugt sich kurz und verlässt die Bühne. Noch ehe die Frauen eine Zugabe verlangen können, ist er in einem Hinterzimmer verschwunden.
Draußen ist inzwischen das allabendliche Gewitter im Gange, es blitzt zeitweise im Sekundentakt und der Regen droht, den Kitt aus den Fenstern zu spülen. Die Luft im Raum wird schlagartig feucht und muffig. Wir bestellen noch eine Runde Quesadillas und Bier, während der Alte im Unterhemd vor der Bühne auf und ab schlurft und Barhocker und Mikrofone richtet. Ein dunkler, hagerer Mann mit eindrucksvollen Tränensäcken und elegantem weißem Hemd setzt sich auf den rechten Hocker.
„Das ist kein Mexikaner”, sagt Lulú zu mir. „Der sieht aus wie ein Südamerikaner.”
„Was meinst du, woher kommt er?”
Lulú zuckt die Schultern. „Keine Ahnung.”
Während der Südamerikaner mit melancholischem Blick seine Gitarre stimmt, kommt der Dicke zurück und setzt sich auf den linken Hocker. Die Frauen jubeln ihm zu. Der Alte verschwindet, kommt mit einer Gitarre in der Hand zurück und setzt sich zu meiner Verblüffung auf den freien Stuhl in der Mitte. Er hebt das Knie, stellt dekorativ einen Filzpantoffel auf eine der Streben des Hockers, stimmt kurz zwei Saiten und lächelt dann in den Raum.
„Guten Abend und herzlich willkommen in Ihrer Peña 'El Trovador' in Coyoacán. Wir spielen Ihnen heute Abend einige Lieder aus Südamerika, vor allem aus Argentinien und Uruguay, die hier in Mexiko wenig bekannt sind. Wir beginnen mit einem Lied des großen argentinischen Dichters und Sängers Horacio Guaraní.” Er lächelt die beiden anderen Musiker an. Dann streicht beinahe zärtlich über die Saiten seiner Gitarre, beginnt ein virtuoses Vorspiel und singt:Amar, amar, amar de frente
amar desde la vida hasta la muerte
amar, amar las cosas y la gente
amar, de cara al sol sin esconderse, ¡ay!
Seine Stimme ist überraschend lyrisch und geschmeidig und zugleich präzise und fest. Das Lied, das er singt, ist eine Liebeserklärung an die Liebe. Ich bekomme eine Gänsehaut: Lieben vom Leben bis zum Tod. Lieben mit dem Gesicht zur Sonne, ohne sich zu verstecken. Mit einem Mal strahlen die Augen des Alten und er wirkt zwanzig Jahre jünger. Als er ¡ay! ruft, wirft er den Kopf in den Nacken, blickt lächelt selig zur Decke und stimmt dann voller Inbrunst den Refrain an:
No puedo vivir sin amar amando
Amar como te amé y me has amado
Amar, amar sin que sea pecado
Amar, amar, amar amando.
Ich kann nicht leben, ohne zu lieben. Zu lieben, wie ich dich geliebt habe und wie du mich geliebt hast. So jugendlich er mit einem Mal wirkt, in seiner Stimme schwingt die Weisheit eines Mannes, der nach den bitteren und süßen Erfahrungen eines langen Lebens weiß, was diese Worte bedeuten können. Im Raum ist es schlagartig still geworden, die Frauen hinter uns haben aufgehört zu lachen. Wir schweigen gebannt, starren auf den alten Mann und lauschen seinem Gesang und seinem virtuosen Gitarrenspiel.
Eine gute Stunde lang singt er, mal allein, mal im Wechsel mit seinen compañeros, leise, eindringlich und leidenschaftlich. Juan de Dios Filibertos heitere Ballade des armen „Ladrillo”, der im Gefängnis schmachtet, während die Nachbarn im Barrio seine Lieder vermissen. Sebastian Pianas Pampasblues „Milonga Triste” über die schwarzen Zöpfe der Geliebten. Facundo Cabrals „No soy de aquí no soy de allá” über die Lust am Leben. Und die ganze Zeit sieht er mit seinem unergründlichen Lächeln in das Dunkel des Raumes und singt und spielt mit einer Hingabe, als säßen dort nicht zehn, sondern Hunderte Zuschauer. Wir lauschen, niemand spricht auch nur ein geflüstertes Wort.
Mit einem Mal stehen die drei Musiker auf, verbeugen sich kurz, verlassen die Bühne und verschwinden im Hinterzimmer. Nach dem langen Applaus bleibt es eine ganze Weile lang still, noch immer spricht niemand. Eine der Frauen hinter uns steht auf. Ich bemerke plötzlich, dass mir nach zweieinhalb Stunden auf meinem Kindergartenstühlchen die Beine eingeschlafen sind und ich mich kaum noch bewegen kann. Ich strecke die Beine aus, stehe auf, schüttele die schmerzenden Glieder und hinke zur Toilette.
Als ich zurückkomme, wird die kleine Bühne von einer Invasion heimgesucht. Fünf oder sechs Musiker schrauben an den Mikrofonen herum und schaffen Trommeln, Flöten und Gitarren in verschiedenen Größen und Formen heran. Ich sehe Lulú an. Sie schüttelt den Kopf. Wir gehen an die Kasse, bezahlen und gehen nach draußen.
Der Regen hat aufgehört und die Luft ist frisch. In der Tür steht der Alte im Unterhemd, eine Zigarette in der Hand.
„Danke”, sage ich spontan zu ihm, was sonst gar nicht meine Art ist. „Ihre Musik ist faszinerend. Ich bin begeistert.”
Der Alte grunzt etwas und nickt uns mürrisch zu. Dann wirft er seine Kippe auf die Straße und geht wieder hinein.
*
Und so klingt "Amar Amando" von Horacio Guaraní (für das gruselige Video übernehme ich keine Verantwortung):



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen