archivo

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Geschichte wird gemacht

Nachdem wir eine Stunde lang über Serpentinen die Sierra Madre Oriental hinauf gekrochen sind, tritt plötzlich der sattgrüne Kiefernwald zurück und vor uns öffnet sich eine öde Hochebene mit kahlen Vulkankegeln, zerklüfteten Lavafeldern und gespenstischen Yucca-Palmen. Wenig später kommen wir nach Cantona, eine ausgedehnte Pyramidenstadt aus prähispanischer Zeit. Cantona bedeutet angeblich "Haus der Sonne", doch statt der versprochenen Sonne hängt über uns ein milchig-gleißender Kodakhimmel.
     Als wir ankommen, ist der Parkplatz vollkommen leer, offenbar sind wir die einzigen Besucher. Obwohl die Stadt mit ihren 12 Quadratkilometern Fläche zu den größten historischen Städten in ganz Mesoamerika gehört, hat kaum jemand von ihr gehört, und noch weniger verirren sich hierher. Das liegt zum einen an der Abgeschiedenheit der Stadt und zum anderen daran, dass die Einwohner vor allem Handel trieben, Fußball spielten und sich kaum als Künstler hervortaten. Ein anderer Grund ist, dass die Nationale Denkmalbehörde INAH erst vor knapp zwanzig Jahren mit den Ausgrabungen begonnen hat und es gemütlich angehen lässt -- bis heute wurde erst 1 Prozent der gesamten Fläche rekonstruiert. Hinter dem Parkplatz wird gerade das Museum gebaut und Arbeiter verkleiden die Betonfassade des Gebäudes mit dem Basalt, aus dem auch die Pyramiden der Stadt erbaut wurden.
    Auch entlang des kilometerlangen Weges durch das Labyrinth von Pyramiden, Mauern, Geröll und Kakteen wird gebaut, wenn auch nichts Neues. Wege sind mit gelbem Band abgesperrt, Arbeiter sieben Erde, schichten historische Mauern und setzen antike Treppen. Eine Dame mit rosa Umhang und Strohhut flattert zwischen den Arbeitern umher und gibt Anweisungen.
    Während wir auf den steinigen Wegen durch das Labyrinth der Ruinen irren, drängt sich mir die Frage auf, was wir da eigentlich sehen. Die Wege, auf denen wir gehen, die Stufenpyramiden, die wir eine nach der anderen besteigen, die Gebäudesockel, auf den wir rasten -- was ist das? Ist das die Stadt, die Olmeken oder Tolteken hier vor anderthalb Jahrtausenden ins Lavafeld setzten, um sie ein halbes Jahrtausend lang zu bewohnen und dann aus unbekannten Gründen wieder zu verlassen? Oder ist Cantona am Ende vielleicht nichts als eine Erfindung der staatlichen Denkmalbehörde?
    Die Gebäude der Stadt waren nur aufgeschichtet, die Einwohner verwendeten keinen Mörtel, wie uns die Informationstafel am Eingang erklärt. Deshalb fanden die ersten Archäologen hier nichts als Geröll vor. Bis heute erstrecken sich hinter den Mauern riesige mit Gras, Palmlilien, Agaven und Opuntien überwucherte Schutthalden, in denen sich formlose Hügel abzeichnen -- werden auch diese eines Tages unter der Aufsicht von Damen mit Strohhüten und Sonnenbrillen auf wunderbare Weise die Gestalt von Pyramiden annehmen? Und wenn ja, wer bestimmt dann, wie viele Stufen welche Pyramide bekommt? Wie hoch sie wird? Welches Häufchen ein Sockel wird, welches ein Mäuerchen, und wo ein Zugang hinkommt? Anders als die Wiedererbauer der Dresdner Frauenkirche haben die Archäologen schließlich keinen Bauplan und keine alten Fotos, nach denen sie sich richten können. Orientieren sie sich an den anderen Pyramidenstädten der Zeit, zum Beispiel Tula oder Xochicalco? Aber wieso sehen die eigentlich so aus, wie sie aussehen?
    Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich bewundere die prähispanischen Völker Mexikos und stehe ehrfürchtig staunend vor den majestätischen Pyramiden, die sie von Hand aufgeschichtet haben. Als Besucher können sie mir gar nicht erhaben und majestätisch genug sein. Vermutlich geht es mir da kaum anders als Antonio Caso, dem Entdecker von Monte Alban und seinen Kollegen, die Pyramidenstädte auf der Halbinsel Yucatán, in den Bergen von Chiapas oder im zentralen Hochland entdeckt und die mexikanischen Kulturen in ihren Büchern gefeiert haben. Oder deren Nachlassverwalterin, der Dame im wehenden Umhang, die mit den Bildern dieser Träumer im Kopf zu Werke geht. Umso mehr Grund zur Vorsicht: Wie viel haben diese Stufen, Treppen, Wege, Mauern mit der wirklichen Stadt zu tun, und wie viel mit dem Willen und den Vorstellungen der Wiederentdecker und Wiedererbauer? 
    Als wir am Ende des Rundgangs auf dem Sockel eines Wohnhauses sitzen, versuche ich, mir das Leben der Bewohner dieser Stadt vorzustellen. Wo heute Blumen sprießen, wuchs damals vermutlich kein einziger Grashalm, denn die geschäftigen Füße der Bewohner müssen jedes Blättchen zertreten haben. Die Häuser selbst waren aus Holz oder vielleicht auch aus Häuten oder Stoffen, von denen heute nichts mehr übrig ist. Vermutlich waren sie bunt, wie alles in Mexiko. In den Höfen saßen Frauen, kochten Mais, zerrieben ihn auf flachen Steinmörsern und buken auf heißen Steinen ihre Tortillas. Da drüben, auf einer ebenen Fläche zwischen einigen Mauern, war vermutlich der Markt, auf dem Handwerker bunte Töpfe und Stoffe verkauften...  Warum soll nur Antonio Caso träumen dürfen?
   Beeindruckt sitzen wir im Schatten einer Kiefer und beobachten die Eidechsen, die sich auf den Steinen sonnen. Die Arbeiter, die eben noch die Treppe einer kleinen Pyramide aufgesetzt haben, spielen auf einem freien Platz zwischen den Ruinen Fußball. Vielleicht waren es ihre Vorfahren, die vor anderthalb Jahrtausenden die Stadt zum ersten Mal errichteten. Aber es wäre zwecklos, sie fragen zu wollen -- vermutlich haben sie das Wenige, was sie über Cantona wissen, von der Frau mit dem wehenden Umhang.


Keine Kommentare: