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Donnerstag, 1. September 2011

Postkarte aus dem Drogenkrieg

    Das Telefon klingelt und ich schieße aus dem Bett. Am Apparat ist mein Schwiegervater aus Mexiko-Stadt. Was denn in Xalapa los sei, will er wissen.
    "Wieso?" frage ich.
    "Was, wieso? Sag mir nicht, dass du es nicht weißt?" Er ist außer sich. "In Xalapa hat es eine Schießerei zwischen dem Militär und den Zetas gegeben! Bekommt ihr denn gar nichts mit?"
    Ich lege mich wieder ins Bett. "Dein Vater macht sich Sorgen", sage ich zu Lulú. "Die Zetas haben Xalapa übernommen und wir sollen auf keinen Fall vor die Tür gehen. Als ob wir in Ciudad Juárez leben."
    Nach dem Frühstück suche ich auf der Internetseite des Diario de Xalapa, was wirklich passiert ist. Tatsächlich, es hat eine Schießerei gegeben.

Xalapa wurde gestern Schauplatz mehrerer Schießereien an verschiedenen Orten der Stadt. Sie begannen am Nachmittag in der Siedlung Indeco Ánimas auf der Höhe von Ravel und Chopin. Angeblich wurde dort ein Haus unter Beschuss genommen.
Daraufhin nahm die Polizei die Verfolgung auf und es kam zu weiteren Schusswechseln. Die Bewaffneten wurden schließlich in einem Haus in der Straße Cañon del Colorado in der Colonia Casa Blanca umstellt. Kurz nach 19 Uhr begann dort ein Feuergefecht, das erst nach Mitternacht endete. Das Militär sperrte die Gegend weiträumig ab und ließ niemanden passieren.
Heute morgen gab General Sergio López Esquer bekannt, bei den Schießereien seien zwei Soldaten und zwölf Angreifer ums Leben gekommen. Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen. Es seien keine Verhaftungen vorgenommen worden, da alle Angreifer ums Leben gekommen seien.

    Indeco Ánimas kenne ich, das ist ein recht wohlhabender Stadtteil, der von uns aus gesehen auf der anderen Seite des Zentrums liegt. Weit weg jedenfalls, und in einem Stadtteil, der wegen seiner vielen SUVs und Luxuskarossen unter generellem Narco-Verdacht steht.
    Gegen Mittag ruft mein Freund Moises an, der im Zentrum von Xalapa einen kleinen Buchladen hat.
    "Bei euch alles in Ordnung?" fragt er.
    "Ja, wieso?"
    "Was, wieso? Grade war Tonatiuh hier und hat erzählt, euer ganzer Stadtteil ist abgesperrt und es gibt Schießereien. In Las Hayas" – einem zwei Kilometer entfernten Stadtteil – "haben sie vorhin die Schule geräumt. Tona sagt, die ganze Ecke ist von Polizei und Militär abgeriegelt."
    "Ai, chirrión! Hier ist alles ruhig. Ich habe nichts mitgekriegt."
    "Doch, in der ganzen Stadt gibt es Schießereien. Du müsstest das hier mal sehen. Es ist kein Mensch auf der Straße. Total unheimlich. Ich glaube, ich mache den Laden zu und gehe nach Hause. Passt auf euch auf."
    Jetzt bin ich tatsächlich ein bisschen beunruhigt und klopfe bei meinem Nachbarn Isidro, der wie ich zuhause arbeitet. Der hat allerdings auch nichts gehört, weder von der Schießerei am Vortag, noch, dass der Stadtteil abgesperrt sein soll.
    "Vorhin ist meine Frau ins Zentrum gefahren. Die hätte sich doch gemeldet, oder? Ich rufe sie gleich mal an."
    Ich schalte das Radio ein und gehe wieder ins Internet. Auf der Seite von Diario de Xalapa nichts Neues. Auf den Xalapa-Seiten in Facebook dagegen helle Aufregung.
    "Was ist los in Xalapa?"
    "Stimmt es, dass sie eine Ausgangssperre verhängt haben?"
    "Ich habe gehört, dass es im Zentrum Schießereien gegeben hat! Ist das wahr?"
    Dazwischen immer wieder Aufforderungen, keine Panik und keine Gerüchte zu verbreiten. Wirkliche Informationen Fehlanzeige.
    Allmählich mache ich mir trotzdem Sorgen, weil Lulú am Nachmittag im Stadtzentrum ein Seminar besuchen will.
    "Ruf doch mal bei der Kursleiterin an", sage ich zu ihr. "Vielleicht weiß die ja was."
    Die Kursleiterin ist eine Bekannte von uns und lebt in der Stadtmitte mit Blick auf die Hauptstraße. Sie sagt, sie hätte nichts von einer Schießerei mitbekommen, aber die Stadt sei völlig tot. Sie wolle mal in der Schule anrufen. Wenig später ruft sie zurück und meint, die Schule habe das Seminar verschoben und alle Kurse ausfallen lassen. Die Anweisung sei von der Schulbehörde gekommen.
    Im Radio keine neuen Nachrichten. Auf ihrer Facebook-Seite stellt die Bürgermeisterin Elisabeth Morales Bilder ein, auf denen zu sehen ist, wie sie durch die leeren Straßen geht. "Hier ist alles friedlich", zwitschert sie. Die Xalapa-Gruppen im Facebook laufen heiß. "Habt Ihr Elisabeth gesehen? Hält die uns für blöd?"
    Gegen Abend eine Notiz im Diario de Xalapa.

Regierungssprecher Gerardo Buganza Salmerón teilte mit, die Gerüchte über Schießereien, die in den sozialen Netzwerken des Internet und in der Bevölkerung verbreitet wurden, seien falsch. Es bestehe keinerlei Gefahr für die Bevölkerung, die Gerüchte gingen von Personen aus, die in unverantwortlicher Weise Panik schüren wollten. "Die Regierung des Bundesstaats Veracruz ruft die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren und sich nicht von Interessen manipulieren zu lassen, die den sozialen Frieden von Veracruz stören wollen."

    In der nationalen Tageszeitung El Universal heißt es, die Bevölkerung von Xalapa stehe unter Schock und habe aufgrund des für die Stadt ungewöhnlichen Ereignisses eine Psychose erlitten. Ich schicke die beiden Links an Moises, der prompt antwortet: "Du glaubst doch nicht, dass die zugeben, was wirklich los ist."
    Am nächsten Morgen treffe ich mich wie jeden Samstag mit Tonatiuh und Moises im Café Tierra Luna neben seinem Buchladen zum Frühstück. Moises hat die Tageszeitung aufgeschlagen vor sich liegen. Duarte: "In Veracruz steht niemand über dem Gesetz" lautet die Überschrift. Duarte ist der neue Gouverneur, der erst einen Monat zuvor ins Amt eingeführt worden ist.
    Tonatiuh räumt ein wenig kleinlaut ein, dass die Sache mit den Schießereien wohl falscher Alarm war. Aber er hat schon eine Erklärung. "Die Zetas haben die Panik verbreitet. Die haben in den Schulen angerufen, sich als Vertreter der Schulbehörde ausgeben und gesagt, sie sollen die Kinder nach Hause schicken. Ich weiß doch, was los ist." Tonatiuh ist Lehrer und Sprecher einer kleinen, aber lautstarken Gewerkschaft; er hat offenbar seine Quellen.
    Für Moises ist die ganze Sache inzwischen glasklar: "Fidel Herrera" – der Vorgänger von Duarte und wie dieser Mitglied der PRI – "hat doch die ganze Zeit mit den Zetas unter einer Decke gesteckt. Jetzt wo Duarte da ist, geht es darum, das Territorium klar zu machen. Der Duarte will sich seine Optionen offen halten und den Preis ein bisschen in die Höhe treiben. Vielleicht will er ja jetzt einen Deal mit dem Cártel del Golfo machen."
    Tonatiuh widerspricht vehement und hat natürlich seine eigene Theorie: "Nach dem ganzen Hickhack um die angeblichen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl hat der Calderón" – der mexikanische Präsident von der christlichen Partei PAN – "dem Duarte die Pistole auf die Brust gesetzt. Entweder du machst beim Drogenkrieg mit, oder wir sägen dich ab."
    Sie zanken noch ein wenig hin und her, aber sie sind sich einig, dass es in Xalapa jetzt richtig zur Sache geht: "Das war erst der Anfang."

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