Letztes Wochenende war Lourdes in Mexiko und ich zum Wandern in den Bergen. Veranstalter war eine NGO namens Senda aus Xalapa, die mit einer Dorfgemeinschaft (einem Ejido) am Rio Pixquiac zusammenarbeitet, um die Rodung des Nebelwaldes zu verhindern. Die Bewohner des Ejido haben 250 Hektar ihrer Allmende unter Schutz gestellt und veranstalten geführte Wanderungen durch den Wald, um sich ein paar Pesos zu verdienen. Ich fand das Projekt und die Wanderung prima. In meinem Eifer hatte ich auf der Webite der NGO allerdings einen kleinen Hinweis übersehen: Dauer: 10 Stunden. Schwierigkeitsgrad: mittel bis hoch.
Wir treffen uns morgens um halb 9 neben der Tortillabäckerei von Rancho Viejo, einem Dorf in der Nähe von Xalapa: Zwölf Teilnehmer, acht Pferde und sechs Führer. Je zwei Teilnehmer sollen sich ein Pferd teilen, das heißt, jeder darf mal gehen und mal reiten. Da ich noch nie im Leben auf einem Pferd gesessen habe, will ich mir das mit dem Reiten nochmal überlegen und entscheide ich mich zunächst fürs Gehen.Der Weg führt zunächst gemächlich durch den Wald und am Wildbach entlang bergauf und an einigen Forellenfarmen vorbei. Unterwegs unterhalte ich mich mit einer sardinischen Lehrerin und Amnasty-Freiwilligen namens Ann Grazia, die in Xalapa einen Spanischkurs macht; einer NGO-Gründerin namens Tania, die aus Mexiko-Stadt kommt und Dorfbewohnerinnen bei der Gründung von Restaurants hilft; und Kin, einem Umweltingenieur, der bei Senda ein Praktikum macht. Kin ist ein stiller Schlacks mit Zahnspange und dschungelgemustertem Hawaiihemd, der mit einem GPS-Sender den Weg vermessen soll, weshalb wir auf drei Meter genau informiert sind, welche Höhenunterschiede wir uns hochschleppen.
Nach gut anderthalb Stunden machen wir an einem Weiler halt, der aus einem halben Dutzend Holzhütten besteht. Hier entscheide ich mich, nun doch in den Sattel zu steigen. Eine kluge Wahl, wie sich herausstellen soll, denn in der nächsten Stunde folgt der vielleicht grausamste Aufstieg, den ich je erlebt habe. Das heißt, ich erlebe ihn ja zum Glück nicht, weil mich das arme Pferd von 1600 auf 2200 Meter wuchtet, während ich mehr oder weniger bequem vom Sattel aus zusehe. Von da aus kann ich beobachten, wie der Nebelwald mit seinen von Bromelien, Orchideen und Farnen überwucherten Bäumen allmählich einem Kiefernwald weicht, wie er für das Hochland typisch ist. Fast oben angekommen, steige ich wieder ab und gehe mit einer kleinen Gruppe die letzten Kilometer zu unserem Ziel zu Fuß über eine Wiese, auf der Kühe weiden und rosa die Pfirsichbäume blühen. Kin, der den ganzen Weg zu Fuß gegangen ist, zieht seine Schuhe aus und hüpft den Rest des Wegs durch das Gras.
Nach etwas mehr als vier Stunden sind wir schließlich am ersten Etappenziel und dem mit 2400 Metern höchsten Punkt der Wanderung angekommen, dem Weiler Palo Blanco. Hier hat Don Fulgencio eine Holzhütte, und seine Frau wartet schon mit dem Mittagessen auf uns: Forelle in einer Chili-Tomatensuppe, Bohnen in einer dicken Chili-Kürbiskern-Soße, ein Salat aus Nopales und Tomaten, und das beste: handgemachte Tortillas aus blauem, auf dem Metate geriebenen Mais. (Dazu gibt's, wie könnt es anders sein, Chilis: frische Xalapeños und Manzanas und eingelegte Chipotles.) Die Männer holen einen Tisch aus der Hütte, legen ein Tischtuch auf und improvisieren Bänke aus wackeligen Stühlen und Brettern. Beim Essen erzählt uns Doña María, sie hätten früher auf dieser Alm gelebt und die Kinder seien hier während der ersten sechs Jahre zur Schule gegangen, einer Einraum-Grundschule in einer Holzhütte. Dann seien die Kinder in die Sekundarstufe gekommen, und die Familie sei ins Tal nach Rancho Viejo gezogen. Trotzdem stiegen sie noch täglich auf den Berg, um die Kühe zu melken und Frischkäse herzustellen, die sie im Dorf verkauften.
Rutschend und stolpernd kommen wir unten in der Schlucht an. Auf einer Wiese machen wir Rast und kühlen die Füße im Bach. Rubi von Senda springt ins eisige Wasser. Dann gehts auch schon weiter. Der Weg ist zwar immer noch steinig, aber jetzt relativ eben und führt direkt am Bach entlang. Die Schlucht wird immer enger, die Felswände ragen immer steiler auf, immer wieder müssen wir auf Baumstämmen über den Bach balancieren. Die Urwaldschlucht ist der genialste Teil des Weges. Die Bäume sind dicht von Schlinggewächsen überwuchert. Auf den Ästen blühen Orchideen, durch das dichte Unterholz schimmern Beeren, und mit etwas Glück sieht man gut getarnt die sonderbarsten Blumen. Irgendwann öffnet sich das Tal wieder, und am Ausgang warten die Pferde auf uns. Diesmal treffe ich allerdings eine unkluge Wahl und entscheide mich für Schusters Rappen. Unklug ist die Wahl nicht nur, weil ich einige Marlboro-Momente verpasse, wenn die Reiter den Bach durchqueren, sondern vor allem, weil ich die Entfernung unterschätze. Die ersten drei oder vier Kilometer gehe ich noch flott und guter Dinge den steinigen Pfad entlang, aber nach einer kurzen Rast sind meine Beine plötzlich wie Blei und ich schleppe mich immer langsamer und mürrischer dahin. Die letzten vier oder fünf Kilometer darf ich dann zwar wieder in aufs Pferd, aber auch das ist keine Freude mehr, und ich hänge verkrampft auf dem kantigen Holzsattel. Immerhin darf ich kurz vor dem Ziel doch noch durch einen Bach reiten. Cool. Mit der letzten Dämmerung kommen wir wieder in Rancho Viejo an.


Muskelkater hin oder her, nächsten Samstag bin ich wieder dabei. Ich habe mich schon angemeldet, und diesmal kommt auch Lulú mit. Diesmal ist es nur eine halbtägige Wanderung. 4 Stunden. Leicht. Wenn noch jemand mitkommen mag...
Die Fotos stammen diesmal nicht nur vor mir, sondern auch Rubi von Sendas (1, 2, 6 und 10) und Nacho (4 und 5). Vielen Dank!




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