Der Finanzminister sieht genauso aus, wie man sich einen Finanzminister vorstellt: ein grauer Herr im grauen Anzug. Wenn er nicht hinter einem langen Tisch mit einem knallroten Tuch sitzen würde, würde man ihn kaum bemerken. Der Tisch steht mitten in der Eingangshalle des Finanzamts, und daneben prangt ein großes, rotes Schild mit der Aufschrift "Montag der Offenen Tür".
In einer Ecke der Eingangshalle stehen Stühle für die Wartenden. Ich habe mich kaum gesetzt, da nickt mir ein Ordner zu. Ich trete vor den langen Tisch wie ein armer Sünder vor das Jüngste Gericht. Hinter mir steht ein Fotograf und macht Fotos. Der Finanzminister steht auf und gibt mir die Hand. Stockend schildere ich ihm den Fall. Er sieht nicht mich an, sondern die Papiere, die ich in der Hand halte.
"Darf ich?" fragt er und streckt die Hand aus. Nach einem kurzen Blick auf die Papiere sagt er: "Ich gebe den Fall an diesen Herrn hier weiter, der ist dafür zuständig."
Mit diesen Worten reicht er die Papiere an einen rundlichen grauen Herrn zu seiner Rechten weiter und setzt sich wieder. Der zweite graue Herr steht auf, und ich schildere auch ihm den Fall. Der wirft einen kurzen Blick auf meine Papiere und winkt einen grauen Herrn aus dem Hintergrund heran.
"Übernehmen Sie das bitte."
Mit diesen Worten reicht er die Papiere an den dritten grauen Herrn weiter. Dieser bedeutet mir, ihm zu folgen. Im Fahrstuhl schildere ich ihm den Fall, während er sich die Papiere ansieht. Wir schlängeln uns dort durch das Labyrinth der kleinen, wabenartigen Schreibtische, bis wir vor der Tür des Subdirektors Gerardo Gallegos Jimenez und seinen beiden Sekretärinnen stehen. Der graue Herr übergibt der Dame zur Rechten die Papiere.
"Kümmern Sie sich bitte darum."
Kaum ist der graue Herr verschwunden, sieht die Sekretärin erst die Papiere an, dann mich, und stellt sachlich fest: "Das haben Sie doch eben erst eingereicht!"
"Es ist dringend. Der Finanzminister..." stammele ich.
Sie würdigt mich keines Blickes, sondern hat schon den Hörer in der Hand und wählt. Nach einem kurzen Gespräch legt sie die Papiere in ein Faxgerät. Dann gibt sie mir die Papiere zurück und sieht mich an.
"Das geht jetzt an das Finanzministerium im Distrito Federal. Sie hören von uns."
"Wie lange dauert das ungefähr?"
"Das können wir Ihnen nicht sagen. Sie hören von uns."
Als ich wieder ins Erdgeschoss komme, ist der Montag der Offenen Tür schon zu Ende. Der Finanzminister steht umringt von grauen Männern hinter dem langen roten Tisch. Der Fotograf macht einige Fotos. Ich gehe durch die Drehtür nach draußen und winke ein Taxi heran.

2 Kommentare:
Na, klingt ja echt vielversprechend. Jetzt sehen wir mal, wer schneller ist: das Fax nach Mexico DF oder der Gerichtsvollzieher...ich würde nicht wetten, halte aber die Daumen. Vielleicht wäre das Problem nit einem neuen Auto einfacher aus der Welt zu schaffen.
BTW: ich will nix mehr hören über Deutsche Bürokratie...
Das mit dem neuen Auto habe ich auch gedacht, als ich eben den Auspuff habe festschweißen lassen, der mir fast abgefallen war.
Und was die Bürokratie angeht: Der Einsatz des stellvertretenden Finanzministers war doch Ausdruck einer beispiellosen Dienstleistungsmentalität, von der sich so manche deutsche Behörde eine Scheibe abschneiden kann. Ich will doch mal sehen, ob mir ein hessischer Oberstaatssekretär die Hand schüttelt, wenn du meinen Bauantrag verschludert hast, harhar.
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