...denn dann bin ich zur Audienz des Finanzministers des Bundesstaates Veracruz geladen. Wie ich zu dieser Ehre komme? Das ist eine etwas längere Geschichte und ein Lehrstück in Sachen mexikanischer Bürokratie.Wie es sich für gute Bürger gehört, haben wir letzten Oktober, kurz nach unserer Ankunft in Xalapa, unser Auto umgemeldet, das Nummernschild des Distrito Federal abgegeben, ein Nummernschild von Veracruz bekommen und die Kfz-Steuer gezahlt. Leider hat es die Zulassungstelle in Xalapa versäumt, das Auto im nationalen Fahrzeugregister umzumelden. Deshalb bekommt Lulú jetzt von der Stadtverwaltung von Mexiko-Stadt eine Mahnung nach der anderen, zuletzt mit dem Hinweis, wenn sie nicht zahlen wolle, dann werde man eben pfänden. Lulús Eltern zittern schon, dass ihnen der Gerichtsvollzieher den Fernseher wegnimmt. Deswegen mussten wir dringend etwas unternehmen.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, machen wir uns am Freitagmorgen um halb 9 auf den Weg zur Zulassungsstelle in Xalapa. Das frischgebügelte Jüngelchen, das sich gerade erst hinter dem Schalter zurechtsetzt, will mit der Sache nichts zu tun haben.
"Sie müssen natürlich nach Mexiko, um das Auto da abzumelden. Wussten Sie das nicht?"
Lulú ist in ihrem Element. "Wie, nach Mexiko? Meinen Sie, ich habe Zeit für solche Späße? Dafür sind Sie zuständig! Wir haben sogar dafür bezahlt, dass das Auto in Mexiko ab- und in Xalapa angemeldet wird!" Sie zeigt auf den Beleg, den sie natürlich mitgebracht hat.
"Ja, aber die Zulassungsstelle ist eine Behörde von Veracruz", stottert das Bürschchen. "Wir könne in einem anderen Bundesstaat kein Auto abmelden..."
"Aber das Fahrzeugregister ist eine Bundesbehörde, stellt Lulú mit messerscharfer Logik klar. "Und wenn jemand ein Auto in Xalapa anmeldet, dann registrieren Sie das ja schließlich auch."
Der Junge schlottert, aber beharrt darauf, dass er nichts tun könne. Lulú will mit dem Leiter der Zulassungsstelle sprechen, aber der ist natürlich zu so früher Stunde noch nicht da. Immerhin rückt der junge Mann die Telefonnummer heraus.
Am Nachbarschalter steht eine fünfköpfige Familie, um ihre Nummerschilder aus San Luis Potosí abzugeben. Der Vater sieht Lulú die ganze Zeit missbilligend an und raunt irgendwann seiner Frau zu: "Was hat die nur!? So geht es uns doch allen..."
Da wir auf der Zulassungsstelle nichts erreicht haben, trollen wir uns -- ich nach Hause, Lulú ins Büro, von wo aus sie die Behörde mit wütenden Anrufen bombardiert. Als sie den Leiter der Zulassungsstelle endlich erreicht, gesteht der sofort, dass seine Behörde schuld ist. Aber er könne leider nichts machen, er nehme die Papiere nur entgegen. Da müssten wir schon...
Um es kurz zu machen: Drei Stunden später stehe ich im Finanziministerium, die Tasche voller Briefe und Kopien sämtlicher Zahlungsbelege, Fahrzeugscheine, Abgasuntersuchungen, Ausweise, Ermächtigungsschreiben, und so weiter, um an oberster Stelle zu beantragen, dass die Behörde doch bitte ihrer Pflicht nachkommen möge.
Der erste Brief ist für einen Subdirektor, einen gewissen Licenciado Gerardo Gallegos Jimenez bestimmt. Der Titel "Licenciado" ist wichtig -- der Mann hat vermutlich schon mal eine Universität von innen gesehen und sich daher allen Respekt verdient. Und wenn nicht, dann hat er auf jeden Fall ein eigenes Büro. Durch die Reihen der kleinen, wabenartigen Schreibtische arbeite ich mich bis zum Zimmerchen des Subdirektors im zweiten Stock vor. In kleinen Boxen rechts und links der Tür sitzt je eine Sekretärin. Ob ich den Licenciado sprechen könne, frage ich die Dame zur Rechten, eine dicke, dick geschminkte Mittdreißigerin mit rotblond gefärbten Haaren und schwarzem Kostüm, dessen Knopfleiste bedrohlich anschwillt.
Die Dame sieht kaum von ihrem Brötchen auf. "Der ist in einer Besprechung." Ach ja, natürlich. Also erkläre ich ihr den Fall.
"Ach, das ist doch nicht weiter schlimm", meint sie kauend.
"Doch", sage ich, "Die pfänden sonst meinen Schwiegereltern das Haus."
Mit ihren kleinen Augen sieht sie mich halb ungläubig, halb desinteressiert an.
Die Sekretärin zur Linken, ein Mädchen mit Zahnspange und Kaffeetasse, mischt sich ein: "Doch, das ist dringend. Das erledigen wir gleich."
Der Einwurf überrascht mich und ich sehe sie dankbar an. Sie sieht ihrer Kollegin verblüffend ähnlich - dieselben Äuglein, dasselbe Rotblond und dasselbe prall geschwollene Kostüm. Später meint Lulú, das sei vermutlich die Sekretärin gewesen, der sie am Telefon ihr Herz ausgeschüttet habe. Gelangweilt stempelt die erste Sekretärin sämtliche Papiere mit einem Eingangsstempel ab und gibt mir eine gestempelte Kopie des Anschreibens, das Lulú gleich in fünffacher Ausführung angeheftet hat.
"Kommen Sie in zwei Wochen wieder, dann geben wir Ihnen Bescheid", sagt sie und legt den Brief auf einen riesigen Papierstapel.
Die andere widerspricht: "Nein, das machen wir schneller. Das faxen wir gleich am Montag. Kommen Sie nächste Woche wieder."
Ich lächele sie an. "Aber bestimmt, Señorita. Nicht, dass die meinen Schwiegereltern das Haus pfänden."
Mein zweiter Gang gilt der Beschwerdestelle im vierten Stock. Der Licenciado Gonzalo Morgado ist in einer Besprechung, natürlich, also gebe ich den Brief wieder einer Sekretärin, die mir meine gestempelte Kopie zurückgibt.
"Aber gehen Sie noch zum Licenciado Pedro Perdomo im dritten Stock. Mit dem hat ihre Frau heute morgen gesprochen. Der sagt ihnen, was sie jetzt machen können." Ich habe den Eindruck, das gesamte Ministerium kennt den Fall inzwischen.
Der Licenciado scheint mich schon erwartet zu haben. Der linkische junge Mann schüttelt mir freundlich die Hand, führt mich in sein Büro und bittet mich, mich doch zu setzen.
"Ah, Sie haben den Brief schon dabei. Ach, auch schon abgegeben? Ah. Ich hatte ihre Frau doch gebeten, erst nur an den Subdirektor... Hm. Also, darf ich den Brief mal sehen?"
Ich gebe ihm die abgestempelten Kopien der beiden Briefe und er studiert sie ausgiebig.
"Hm, ja, das ist natürlich ernst. Also, ich hatte ihrer Frau geraten, mit der Beschwerde noch zu warten. Sie wissen ja, das dauert, bis das die Hierarchien durchläuft... Die Beschwerde wird erst angenommen und bekommt ihre Bearbeitungsnummer. Dann geben wir sie an die zuständige Oberabteilung, und die... Das kann schon zwei, drei Wochen dauern. Vielleicht vier. Bis dahin..."
Die Angelegenheit ist dem Mann offensichtlich peinlich. Andererseits scheint die Sache mit der Dienstaufsichtsbeschwerde heikel zu sein. Also unterbreche ich beschwichtigend.
"Wissen Sie, mir geht es ja gar nicht darum, mich zu beschweren. Mir geht es nur darum, dass wir das irgendwie erledigen."
Der Licenciado schaltet den Computer ein. "Haben Sie die Fahrzeugnummer da?"
Ich gebe ihm eine Kopie des Fahrzeugscheins, und er tippt die Nummer ein.
"Ja, das Auto ist mit dem neuen Nummernschild hier registriert." Er tippt ein bisschen weiter. "Und im Fahrzeugregister nicht. Das kann natürlich große Probleme geben." Er sieht mich an. "Aber ich hatte ihrer Frau gesagt, erst nur den Brief für den Subdirektor..."
Ich wiederhole, dass es mir überhaupt nicht darauf ankommt, mich zu beschweren. Ich will gar keinen Ärger machen, ich will ja nur...
"Ich mache Ihnen einen Vorschlag", meint der Licenciado plötzlich. "Also, wir haben diese Einrichtung, also montags haben wir Tag der Offenen Tür. Da kann jeder kommen und mit dem Finanzminister sprechen. Wenn Sie wollen..."
Ich muss ihn etwas belämmert angesehen haben.
"Wenn Sie wollen, kommen Sie um... ich will nicht sagen, um 9 Uhr, aber um halb 10 ist er bestimmt da. Ich werde auch da sein. Kommen Sie zu mir, dann erklären wir ihm den Fall. So erledigen wir das schneller. Mit einem Anruf..."
Und so kommt es, dass ich morgen der Audienz des Finanzministers beiwohnen werde. Mit einem dicken Stapel Kopien in der Hand werde ich mich in die endlose Schlange vor seinem Thron einreihen, und wenn ich vor ihm stehe, wird ihm der Licenciado Perdomo meinen Fall ins Ohr raunen. Der Finanzminister wird ihm zuhören, kaum merklich nicken, und eine Schar von Lakaien wird in alle Richtungen davoneilen. Dann wird er mir die Hand auf den Kopf legen. Wenn ich die Skrofeln hätte, würde ich geheilt nach Hause gehen. Ob der Eintrag im Fahrzeugregister korrigiert wird, ist weniger sicher.
2 Kommentare:
Hola Jürgen,
hab die lustige Geschichte mit Interesse gelesen. Ich lebe seit längerem in Spanien und hier ist es nicht viel anders: Alles was mit Behörden zu tun hat gleicht einem Glücksspiel. Europa ist hier weit weg. Nicht umsonst sagen die Spanier, wenn sie in eine mitteleuropäische Stadt reisen "Ich fahre nach Europa"
Grüße,
Stephan Frenze
Ist ja eigentlich kein Wunder, denn die Bürokratie geht schliesslich auf die Kappe von Felipe II, der jedes Fetzchen Papier aus den Kolonien in dreifacher Ausführung haben wollte. Andererseits haben die Mexikaner natürlich ihre Strategien entwickelt, um diese Bürokratie auszuhebeln. Und vor allem haben sie eine schier unerschöpfliche Geduld, die mir natürlich abgeht.
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