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Mittwoch, 9. Juni 2010

Das bittere Geschäft mit dem Süßen

habe ich letzten Samstag in der Zuckerfabrik von Mahuixtlán näher kennengelernt. Rund um Xalapa wird Zuckerrohr angebaut, und kommendes Wochenende geht für dieses Jahr die Ernte zu Ende. Das wollte ich ausnutzen, um die Fabrik noch unter Dampf zu erleben. Aber es war gar nicht so einfach, ein Interview zu bekommen.
Bei meinem ersten Besuch vor zwei Wochen wurde ich direkt am Eingang abgewimmelt. Erst durfte ich eine halbe Ewigkeit beim Wachmann warten, während mir die Sonne auf die Birne gebrannt und ein Mückenschwarm mir die Beine zerfressen hat (wer geht auch ohne Hut und in kurzen Hosen aus dem Haus!?). Dann kam der Personalchef heraus und erklärte er mir, die Ingenieure seien alle beschäftigt, ich solle doch eine Email an die Verwaltung schreiben und mein Anliegen vortragen. Das habe ich dann auch prompt gemacht, sobald wir zuhause waren: Ich habe artig mein Projekt vorgestellt und freundlich darauf hingewiesen, dass ich gern noch vor Ende der Erntezeit vorbeischauen würde. Und erstmal nichts gehört.

Eine Woche später waren Lulú und ich bei unseren neuen Freunden Martita und Efraín zum Abendessen eingeladen. Martita kommt aus einer Stierkämpferfamilie und war früher Bailarina; heute unterrichtet sie an der Uni und studiert Psychotherapie, wo sie Lulú kennengelernt hat; Efraín war Biologe, aber weil das ein brotloses Geschäft ist, zieht er seinen früheren Studienobjekten heute das Fell über die Ohren und verkauft sie als Handtaschen und Stiefel (passt doch). Als ich den beiden von meinem Besuch im Zuckerwerk erzählt habe, hat Efraín sofort gesagt: "Ich kenne den Direktor. Das ist ein Kumpel von mir. Ich rufe ihn gleich an." 

Aber auch das war gar nicht so einfach. Der Direktor fragte Efraín aus, wer ich denn sei, was ich vorhabe, und was das denn für ein Buch sei, das ich da schreiben wolle. Dann druckste er lange herum, also, die Anlage dürfte ich nicht besichtigen. Der Zucker sei ein entscheidender Wirtschaftsfaktor in Mexiko, Veracruz der wichtigste Zuckerproduzent und seine Anlage einer der größten in Veracruz, deswegen sei alles absolut und top secret. Und Efraín solle auf jeden Fall mitkommen. Man weiß ja nie, woran man mit diesen Ausländern ist.

Am Ende hat es dann doch geklappt, und Efraín und ich sind am Samstag nach Mahuixtlán gefahren. Der Direktor Don Joël, Mitte 50, 1,90 Meter groß und leicht korpulent, erwies sich schließlich als erstaunlich jovialer und auskunftsfreudiger Typ. In seinem riesigen, holzgetäfelten Büro hat er mir eine gute Stunde lang den gesamten Prozess der Zuckerproduktion auseinandergelegt -- wie in Mexiko das Land verteilt ist und der Anbau organsiert ist; wie das Rohr gesteckt und geerntet wird; wie es angeliefert, zerhäckselt und viermal ausgepresst wird; wie die Häcksel verbrannt werden, um Dampf zu erzeugen und Turbinen anzutreiben; wie der Zuckersaft gereinigt, mit Schwefel und Kalk geklärt und neutralisiert und dann über den Dampf aus den Häckseln einreduziert wird; wie er schließlich kristalisiert, getrocknet und abgefüllt wird; welche staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen schließlich beim Anbau, der Ernte und dem Verkauf beteiligt sind und woher die Erntearbeiter kommen. Er hat mir die Zahlen gezeigt, mir die verschiedenen Sorten vorgeführt, und mich am Schluss sogar aus dem Fenster einen Blick auf die geheime Anlage werfen lassen. Es war besser als "Die Sendung mit der Maus". Der einzigen Haken war nur, dass die Klimaanlage derart gedröhnt und die Maschinen derart gerattert haben, dass ich meine liebe Not hatte, meine Aufnahme von unserem Gespräch abzuhören.

Ach ja. Eine Antwort auf meine Email an die Verwaltung habe ich immer noch nicht bekommen.



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Fotos: Die Bilder stammen alle aus Mahuixtlan. Und ich sehe grade, wenn Ihr sie anklickt, könnt Ihr sie in groß sehen.

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